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Minnesänger

Eine große Zahl von Dichtern hat vor Walther von der Vogelweide, neben ihm und nach ihm gesungen. Aber er überragt sie alle, ja ist der einzige große Dichter unter den Minnesängern. Der Minnesang beruht auf dem Minnedienst, der aus der Provence nach Deutschland kam und sich, durch den Marienkult vorbereitet, hier schnell einbürgerte. Der Ritter begab sich ganz wie ein Vasall in den Dienst einer verheirateten Frau, kämpfte und sang für ihren Ruhm und erwartete als Lohn den Minnesold.

Inwieweit ein solches in den Minneliedern zu Tage tretendes Liebesverhältnis auf dichterischer Erfindung oder auf Wirklichkeit beruhte, braucht hier nicht erörtert zu werden. Sicher sind derartige Beziehungen zu allen Zeiten von der Poesie vor der gesetzlichen, der Konflikte entbehrenden Liebe bevorzugt worden. Das Geheimnisvolle, in das ein solches Verhältnis sich hüllen musste, die Sorge der Liebenden vor der Entdeckung, die Vorsicht gegenüber den Spähern und Aufpassern, die stete Spannung und Furcht bei dem drohenden Verlust von Ehre und Leben, alles das gab den Dichtern Stoffe und Motive in Hülle und Fülle und der Dichtung Leben, Interesse und Reiz. 


Kein geringerer als Wolfram von Eschenbach hat die Tagelieder, in denen der Wächter am frühen Morgen vor den Liebenden seine warnende Stimme erhebt, um sie vor der Entdeckung zu schützen, zur höchsten Vollendung erhoben. Die Poesie hat eine andere Moral als das Leben. Ihr ist eine gesetzliche Ehe unsittlich, wenn sie nicht aus Herzensneigung geschlossen ist, und jede Vereinigung von Mann und Frau sittlich, falls sie auf wahrer Liebe beruht. Jedenfalls hat der Minnedienst und die Verehrung der Frau nicht nur den gesellschaftlichen Ton gehoben, sondern auch vielfach erhebend und veredelnd gewirkt. Mit Begeisterung wird das oft von den Dichtern selbst hervorgehoben, so von Walther:

Wer guten Weibes Minne hat,
Der schämt sich jeder Missetat.

Groß ist die Zahl der Sänger und Komponisten – denn der Dichter erfand auch selbst den Ton, d. h. die Melodie und den Strophenbau seiner Lieder -, die zum Preise der Minne ihre Stimme erschallen lassen, wie der von Kürenberg, Dietmar von Aist, Friedrich von Hausen, Heinrich von Morungen, Reinmar von Hagenau, aber ihre Lieder sind, abgesehen von einzelnen hübsch gelungenen Leistungen, im Großen und Ganzen zu arm an Inhalt, als dass sie für uns noch ein anderes denn ein geschichtliches Interesse haben könnten. Es ist immer derselbe eintönige Minnedienst, Liebeswerben und Liebessehnsucht, Entbehren und Gewähren, Klage und Jubel, Lenzeswonne und Winterleid; es fehlt meist das Besondere, Charakteristische, Individuelle, die Natur ist erstarrt in dem Konventionellen; kaum ein Gedanke, der sich über das Gewöhnliche erhebt. Walther von der Vogelweide hebt sich aus diesem Kreis heraus, indem er den engen Gedankenkreis des Minnedienstes erweitert und den Gefühlen eine Sprache gibt.


Mit Walthers Tode ist auch die Blütezeit des Minnegesanges vorüber; er hat noch selbst sich unmutig über die Verrohung der Kunst beklagt. Das ritterliche Publikum, des Minnegesanges überdrüssig, fand mehr Gefallen an der durch Neidhart von Reuental eingeführten höfischen Dorfpoesie. Ritter Neidhart, der unter Bauern auf gleichem Fuße mit ihnen gelebt hatte, schildert in seinen Gedichten die Minne der Bauern und ergießt seinen Spott über die Tölpelhaftigkeit und Rohheit ihrer Sitten, wobei es an derben Späßen über die verunglückte Nachahmung der ritterlichen Sitten nicht fehlt.

Hier wollen wir auch eines epischen Gedichts: „Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtenäre, aus der Mitte des 13. Jahrhunderts gedenken, das ebenfalls von dem törichten Bestreben der Bauern, es den Rittern gleichzutun, handelt. Es ist das erste deutsche epische Gedicht, dessen der Wirklichkeit entnommenen Stoff der Verfasser selbstständig geschaffen hat, und dieser Verfasser erweist sich in seiner schlichten Kunst als ein vortrefflicher Erzähler. Wie er mit scharfen und klaren Zügen den verwilderten Adel schildert, ebenso den Bauernstand, und in diesem den Gegensatz zwischen der guten alten Zeit, die der Vater vertritt, und der von grenzenlosem Hochmut erfassten neuen Zeit; wie er Helmbrecht, den Sohn, in seinem törichten Bestreben Räuber und Verbrecher werden und dann in ergreifender Darstellung eine furchtbare Vergeltung über ihn kommen lässt, das wird heute noch jeder mit Spannung lesen. 


Neidhart von Reuental wird an Derbheit noch übertroffen von dem Schweizer Steinmar. Er richtet seinen Spott nicht nur gegen die Bauern, sondern sogar gegen den Minnedienst selbst und wohl besonders gegen Ulrich von Lichtenstein, der in seiner Selbstbiographie Frauendienst (um 1250) den Minnedienst bis zum Wahnwitz geführt hatte. Nicht minder ironisiert der humorvolle Tanhuser, der später durch das Volkslied in Verbindung mit der Sage vom Venusberg gebracht wurde, den einst so hoch gepriesenen Frauendienst. Als einer der letzten Minnesänger wird genannt Meister Johannes Hadlaub in Zürich, der allen durch Gottfried Kellers Dichtung wohlbekannt geworden ist. Es ist bezeichnend, dass man die Zeit für gekommen hielt, die Lieder des Minnegesanges zu sammeln. Die sogenannte Manessesche große Handschrift in Heidelberg ist Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden.

Aus der späteren Zeit sind nur noch zwei bedeutende adlige Minnesänger zu nennen: Hugo von Montfort (+ 1423), Verfasser allegorischer Dichtungen und von Liedern im Volkston und Tageliedern, und Oswald von Wolkenstein (+ 1445), ein vielseitiger Mann, bei dem sich fast alle Arten und Abarten des Minnesangs und alle seine Licht- und Schattenseiten vertreten finden. Seinen Dichtungen eigen ist das persönliche Erlebnis. Er hatte freilich auch etwas erlebt. Denn der abenteuerliche Mann hatte auf seinen Jugendfahrten in dienender Stellung als Reitknecht und Pferdeknecht fast die ganze Welt gesehen und nahm später im Dienste des Kaisers Sigismund eine angesehene Stellung ein.


Nach Quelle: Die deutsche Dichtung. Grundriß der deutschen Literaturgeschichte von Karl Heinemann, Alfred Kröner Verlag Leipzig 1911.

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