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Tieck - Reinmar der Alte

Ludwig Tieck (* Berlin 1773 + Berlin 1853)

Wenn es sich bald nahet zu dem Tage
So darf ich nicht nachfragen: ist es Tag?
Das kommt mir von so großer Klage,
Daß es mir nicht zu Hülfe kommen mag,
Doch gedenke ich wohl, daß ich sein anders pflag
Hievor da mir die Sorge nicht so zu Herzen lag,
Immer an dem Morgen tröstete ich mich der Vögel Sang:
Mir komme ihre Hülfe in der Zeit, sonst ist mir
beydes Sommer und Winter allzulang.

Deme ist wohl, der das mag sagen
Daß sein Leib in sehnenden Sorgen von ihm ging,
Nun muß aber ich ein Anderes klagen,
Ich sah nie ein Weib, das von mir Trauern empfing,
Wie lang entfernt, war doch ihr Gram gering,
Die Noth mir unterweilen rechte an mein Herze dringt,
Und wär` ich anders jemand also unlieb mannichen Tag
Um ihn hätt` ich gelassen den Streit, das ist ein
Ding dessen ich mich nicht trösten mag.

Die Liebe hat ihr fahrendes Gut
Also getheilet, daß ich den Schaden han,
Derer nahm ich mehr in meinen Muth
Denne ich mit Rechte sollte haben gethan,
Doch verlasse ich sie gewiß nicht, so ist mein Wahn,
So wenig ich der Treue von ihr mich darf verstahn,
Sie war stets mit Freuden, ich muß in Sorgen seyn,
Also verging mir die Zeit, es taget mir leider
selten nach dem Willen mein.

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