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Walther von der Vogelweide

Bei den Liedern Walthers erkennt man die Wahrheit der Goethischen Worte: „So fühl` ich denn, was den Dichter macht: ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz.“
Walther ist zwar auch ein Kind seiner Zeit, aber er sprengt die Bande der Konvention, er erweitert den engen Gedankenkreis des Minnedienstes. Die Kunstgesetze, die Lessing erst wieder aufgefunden hat, befolgt er unbewußt; er schildert nicht, sondern er setzt alles in Bewegung und Handlung um und „belebt das Unbelebte“.
Souverän herrscht er über die Sprache und die rythmische Form, für alle Phasen der Empfindung, für den glühenden Haß und die hingebende Liebe, für die heitere und die melancholische Stimmung, für die flammende Begeisterung und die trübe Resignation entlockt er ihr lebenswahre und darum ergreifende Töne.

 Vogelweide-Statue in Bozen

Walther von der Vogelweide hat nicht nur die Liebe besungen, er war auch politischer und Spruchdichter, der erste Deutschlands in jedem Sinne. Er war von Haus aus arm, ärmer als Wolfram von Eschenbach, denn er hatte keinen eigenen Besitz, und als er gegen Ende seines Lebens ein kleines Lehen von Friedrich II. erhielt, jubelte er auf vor Freude und Glück. So war er darauf angewiesen, sich den Lebensunterhalt bei Fürsten und hohen Herren durch seinen Sang zu erwerben; zuerst in Österreich, wo er wahrscheinlich um 1170 geboren wurde, dann beim Landgrafen von Thüringen, wo er mit Wolfram zusammentraf, bei dem Markgrafen von Meißen, dem Herzog von Bayern und den drei Kaisern seiner Zeit.

Nach dem Tode Heinrichs VI. stand Walther zuerst auf der Seite Philipps von Schwaben, nach dessen Tode auf der Seite Ottos und wurde dann „der politische Agent“ Friedrichs II. gegen Otto und gegen den Papst. Seine Lieder waren von gewaltiger Wirkung in ganz Deutschland, wie sogar die Gegner bestätigten. Hat Walther auch durch die Verhältnisse gezwungen die Partei gewechselt, er wechselte nur die Person, nicht die Sache; denn treu und fest blieb er in seiner glühenden Vaterlandsliebe, in seiner Begeisterung für deutsches Wesen und die Herrlichkeit des deutschen Reiches, der wir köstliche Lieder verdanken. Man wird fast an Luthers Sprache erinnert. Seine Angriffe richteten sich gegen die Einmischung des Papstes in die weltlichen Angelegenheiten oder gegen die damaligen Zustände der Kirche, nicht gegen die Kirche selbst. Mag er in diesem Hasse zu weit gegangen sein, er war, wie alle großen Dichter, ein leidenschaftlicher, reizbarer Mensch.

 Meißen

Wer immer und immer wieder eine Tugend preist, verrät dadurch, daß sie ihm fehlt oder daß ihr Erwerb ihm schwer geworden ist. Bei Walther ist die „maze“ die vielgepriesene Haupttugend des Mannes, und alle seine schönen Weisheitslehren gipfeln in einem Spruch, der fast wörtlich mit der Lehre Goethischer Weisheit übereinstimmt: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, haben sich beide Dichter zu diesem Weisheitsideal emporgerungen. Zufrieden im Besitz eines eigenen Heims, stolz auf seinen Ruhm und die Anerkennung der Besten seiner Zeit, aber tief bekümmert über die trüben Verhältnisse der Gegenwart ist Walther etwa im Jahre 1228 gestorben. Ihn hat die Kunst, er hat die Kunst geadelt. Mit Walthers Tode ist auch die Blütezeit des Minnegesanges vorüber. Er hat noch selbst sich unmutig über die Verrohung der Kunst beklagt.


Nach Quelle: Die deutsche Dichtung. Grundriß der deutschen Literaturgeschichte von Karl Heinemann, Alfred Kröner Verlag Leipzig 1911.

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