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Anfang: Auszüge aus einem Tagebuche vom Rio Bravo del Norte von Arthur Schott

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland.
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 15, 14. April 1854, S. 353

Autor: Arthur Schott

Der Verfasser war damals Assistant Surveyor of the N. G. Mexican Boundary Commission, und befand sich mit einer Partei von 15 Arbeitern in der Nähe des sogenannten Eagle-Passes.

Mexiko-Stadt

Donnerstag, den 23 September 1852. Es fing an in der Nacht zu regnen und that so den ganzen Morgen, wir konnten also bei unserer armseligen Ausrüstung an keinen Mensch denken. Der Tag verging demnach in Warten und Nichsthun, als ein wahrer Feiertag.
Freitag, den 24sten. Auch heute war es noch trübe, doch regnete es nicht, und wir marschirten alle zusammen frühmöglichst aus. Die Maulthiere als ob sie wüßten, daß heute nicht zu spassen sey und daß alles zusammenhalten müsse, um geordnet durch die Linie der Indianer zu kommen, betrugen sich gut. Nach Aussage einiger der Leute hatte sich in der vergangenen Nacht der Lockruf eines Truthahns von der Hügelseite und die Antwort aus dem Dickicht am Ufer hören lassen. Es ist dieß während der Nacht sehr ungewöhnlich und die Mehrzahl unserer Leute war darum gewiß, daß es zwei Indianerspione wären, die sich unserem Lager nähernd solche Zeichen gaben. Thatsache ist, daß die Maulthiere und Hunde im selben Augenblick sich sehr unruhig gebärdeten; der Gedanke an heranschleichende Indianer ist durchaus nicht ungegründet, und hatte nach Lage und Ort, wo wir uns befanden, viel Wahrscheinliches, umsomehr da wir nun bei Tageslicht eine Menge Moccasins- und Pferdespuren, alle frisch eingedrückt, wahrzunehmen Gelegenheit hatten. Nach etwa einer Stunde Marsch hatten wir aus dem Sumpf durch Dickicht und über Felsenklüfte hinaufklimmend die nackten, aber rauhen Höhen gewonnen. Ueber dieses weit ausgedehnte öde Kalksteintafelland liegt es wie ein Netz von sich in allen Richtungen hin verzweigenden klüftigen Trockenthälern und Schluchten, und es bedarf nicht wenig Erfahrung, Geduld und Arbeit, auf solchem Grund und Boden in gewünschter Richtung weiter zu kommen. Da wir die Stärke der vor ein paar Tagen hier gesehenen Indianer nicht kannten, so hatte ich vorgezogen die ganze Mannschaft heute bei einander zu lassen, nur einen kleinen Tagmarsch zu machen und wo möglich dem Lager der Indianer näher zu kommen; der Maulthiertrain zog auf dem rechten Flügel, langsam über die unwegsamen Felsrücken Umwege machend, um den tiefsten Schründen auszuweichen. Ich hatte meinen Strich mehr gerade genommen um weniger gestört im Beschauen und Sammeln von Pflanzen und Gestein zu seyn. Meine Entfernung vom Train war ungefähr eine Viertel-Meile. Zwischen dem Train und mir gingen zwei andere junge Leute mit Pistolen und Büchsen, um vielleicht etwas Jagdbares zu erbeuten. Hin und wieder verließ einer oder der andere den Train auf Augenblicke, jedoch auf keine weitere Entfernung. So ging alles in bester Ordnung. Wir sahen endlich vor uns auf dem unsernen Horizont gegen Norden einen Mesquitebusch (Mesquite, Indianerwort. Ein Baum aus der Ordnung Mimosaceae, die fast ausschließlich alle Bäume in den Prairien des westlichen Texas vertritt), denselben wo King unser Trainführer vorgestern drei Indianer gesehen hatte; 18 bis 20 Hühnergeier kreisten in mattem trägem Fluge heute darüber, und wir hatten so den besten Grund nicht weit davon das Indianerlager zu vermuthen. In solchen Einöden verräth eine solche Geiergemeinde sicher entweder eine menschliche Lagerstätte oder ein todtes Wild.
Der alte Francisco Perez, unser Diener, welcher wie gewöhnlich eine Doppelflinte trug, welche ich mitführte, um Vögel u. dgl. zu wissenschaftlichen Zwecken zu schießen, hatte sich, während wir so angingen, vom Train entfernt, um der Himmel weiß aus welcher Ursache mir zu folgen, wozu er von mir aus keinerlei Weisung hatte. Weder links noch rechts um sich sehend trabte er über Stock und Stein fort, scheinbar ohne auf irgend etwas zu achten. Ich rief und pfiff nach ihm, allein umsonst, er rannte seinen Bärentritt in genommener Richtung fort. Da mir daran lag den guten Alten wo möglich zu sichern, nahm ich meine Schritte nach ihm zu, hatte aber kaum ein paar Schluchten übersetzt, so stellte mich ein Halloruf von der Trainseite her; dieß war ein gewisses Zeichen, daß Indianer in Sicht gekommen seyn mußten. Ich hatte daher schleunigst umzukehren, um mich der Truppe anzuschließen. Bei mehrmaligem Zurücksehen sah ich F. stets gleichmäßig fortrennen und endlich hinter einer Halde verschwinden. Der Umstand machte mir bange, doch hat man in solchen Augenblicken wenig Zeit zu Betrachtungen, und so mußte ich den Alten seinem Geschick überlassen. Während ich so auf- und abkletterte, um möglichst schnell zu den andern zu kommen und zu erfahren, was es eigentlich gebe, stellten mich ein Paar schöne Augen, freilich nur Felsenaugen, in Form von ein Paar versteinerten Seesternen. Es that mir ordentlich leid jetzt keine Zeit und Mittel zu haben, sie aus dem harten Kalkgestein zu klopfen, umsomehr als ich schon länger nach solchem Schatz fahndete. Indessen habe ich sie schriftlich, und sie haben wenigstens den Werth, daß mir ihr Vorkommen den Charakter des hier zu Tage stehenden Kalksteins bezeichnen kann. Bald erblickte ich den Train, der unterdessen Halt gemacht hatte. Alle Gesichter waren in der That nach jenem Mesquitebusch gerichtet, über dem noch immer gleichmäßig die Hühnergeier schwebten. Ein Indianer zu Pferde hatte sich gezeigt und mußte unsere Reisetruppe erblickt haben, als er in vollem Lauf über Dorn und Kluft nach der Flußseite zu hinabjagte. Nach kurzer Berathung waren wir entschlossen geradezu anzugehen, doch wollten wir vorerst einige Augenblicke um F`s willen warten, der jetzt der Richtung nach, die er genommen, in augenscheinlicher Gefahr war, bei seiner Kurzsichtigkeit geradezu in das Lager der Indianer zu rennen. Unser Besorgtseyn half ihm um so weniger als in diesem Augenblick keine Hand zu sparen war und wir für den Fall eines Zusammentreffens alle vollauf zu thun hatten, uns einem Feinde zu stellen und die Maulthiere zusammenzuhalten. Da der erst gesehene Indianer so in voller Eile dem Flusse zugerannt war, so ließ sich vermuthen, daß sich das Lager, dem er angehörte, dort befinde, wo wir selbst zu lagern uns vorgenommen hatten. Der Posten über dem wir die Geier sahen, war vielleicht nur ein Lug ins Land (Lookout), welches die ewig flüchtigen und verborgenen Rothhäute zu halten bemüßigt sind. Nach ungefähr ¼ Stunde sahen wir eine unkenntliche Gestalt nach jenem Mesquitebusch zuschreiten und wir konnten nicht einig werden, war es F. oder ein Indianer. Wir riefen ihm zu, ich ließ dazu unsere beiden Flaggen aufstecken und die Gestalt schien zu hören und zu sehen; sie ging in gerader Linie nach uns zu zurück, und wir freuten uns alle den verlaufenen Alten in wenig Augenblicken bei uns zu sehen. Die Gestalt verschwand endlich in einer der unzähligen Schründe, welche dieses Tafelland hier durchkreuzen und deren der Alte mehrere zu überschreiten hatte, ehe er zu uns gelangen konnte. Wir warteten und warteten länger, allein umsonst, unser wahrgenommener F. kam nicht mehr zum Vorschein. Wir glaubten nun wirklich, daß die gesehene Gestalt einem Indianer angehörte, der nicht eben Lust hatte sich zu zeigen. So traten wir dann unseren Weitermarsch an, indem der Maulthiertrain, stets zur Rechten Umschweife machend, Schründe umging, die wir, d. h. einige wenige der kleinen Truppe, geradezu überschritten. Ein Mexikaner, der verläßlichste und ruhigmuthigste, den ich je aus dieser Nation kennen zu lernen Gelegenheit hatte, sein Name ist Jose Morales, blieb etwas zur Linken, gerade dahin, wo jene unkenntliche Gestalt verschwunden war. Er rief laut des Vermißten Namen nach allen Richtungen hin, allein umsonst. Endlich kam auch er außer Sicht, und bald darauf ließ sich ein Schuß hören. Ich dachte wirklich, er müßte den Alten gesehen haben, der sein Rufen nicht hören konnte. Ich eilte auf die Stelle hin und war schnell von noch zweien der Leute gefolgt. Wir begegneten Jose, der ein geschossenes Truthuhn nach sich zog, allein keine Spur von F. hatte. Unsere Besorgniß stieg mehr und mehr, trat aber bald etwas in den Hintergrund, da wir keine 26 Schritte von jenem Mesquitebusch standen, von dem sich die Geier jetzt etwas entfernt hielten. Wir traten näher und fanden ein kleines und sichtbar in aller Eile verlassenes Indianerlager, eine kleine Feuerstätte und darum zerstreut liegende Knochen und Rehschädel; zwei Rehhäute, die Haut eines jungen schwarzen Maulthiers sammt dem Fleisch theils aufgehäuft zum Trocknen bereitet, theils in den Zweigen des Mesquitebaums hängend, eine gebratene Polkatze und einige verfaulte Lumpen waren die gefundenen Spolien, die wir hier den Geiern streitig gemacht hatten. Einer nahm sich die beiden Rehhäute und ich ließ die Maulthierhaut aufpacken, da sie gute Dienste als Decke für eine Maulthierladung thun konnte. Während wir so theilten und umhersuchten, kam der Train mit den übrigen Leuten zur Stelle, worauf wir unsere Richtung dem Fluß zu nahmen, wohin auch der erst gesehene Indianer gejagt war. Alles war ruhig und still, kein Zeichen, kein Geräusch, nichts was irgend auf einen Feind schließen ließ. Wir zogen an einem Hügelhang hinab und sahen drunten in einer Schlucht einen erlegten jungen Bären; Haut und Fleisch waren aber über die Brauchbarkeit hinüber. Ich erinnerte mich dabei jenes Bären, den ich zwei Tage zuvor von unserem Lager aus mitten im Fluß hinabschwimmen gesehen. Wir hatten schon damals vermuthet, daß er durch jagende Indianer ins Wasser getrieben und gezwungen war, auf mexikanisches Gebiet überzutreten. Im Zweifel war es eine Mutter, deren erlegtes Junges wir jetzt hier vor uns sahen. Wir setzten den Marsch fort, und als noch immer nichts von dem alten F. zu sehen war, so ward uns der Fall mehr und mehr bedenklich. Ein Theil der Mannschaft gab ihn auf, als von den Indianern genommen und getödtet, da er bei seinem Alter von keinem Nutzen für sie gewesen. Die Minderzahl darunter glaubte dieß noch nicht so leicht, denn die Indianer hatten ihr Lager sichtlich in eiligster Eile verlassen und anderes zu denken, als einen kaum halb fangenswerthen alten Mexikaner mitzuführen oder aber ließ sich kaum denken, daß, überrascht wie sie waren und nur auf Fliehen dachten, sie ihre Fährten angesichts unser mit dem Mord eines Schuldlosen beschweren würden. Diese Räuber und Diebe morden selten, wenn sie nicht materiellen Vortheil davon ziehen können oder wenn sie nicht gerade einen der ihrigen zu rächen haben. War die vorhin gesehene Gestalt wirklich F., so konnte ich mir sein Verborgenbleiben nicht anders erklären, als daß er zu seinem Weiterkommen eine falsche Schlucht gewählt und so uns aus dem Gesicht kam, vielleicht auch, daß er das Indianerlager, dem er ganz nahe gewesen seyn mußte, gesehen und erschrocken zurückging und sich jetzt versteckt hielt. Alles dieß waren indeß nur bloße Vermuthungen, mit welchen wir, stiller und stiller werdend, weiter zogen. Sollten wir für die Paar vorgefundenen Rehhäute als Preis einen Mann verloren haben? – Es wäre ein harter Preis gewesen.  
Wir hatten kaum zu bezweifeln, daß die gesehenen Indianer Lepanos seyen, die bessere Jäger als die Comanches sind. Beide Stämme stehen freundlich mit einander und sind für Reisende und kleinere Wanderpartien in diesen Landstrichen gleich gefährlich. Eher sind die Lepanos als bessere Schützen mehr zu fürchten. Nach Aussage des Beamten, der die Postexpedition zwischen San Antonio de Bexar und El Paso befördert, waren es Lepanos, die ihn vor etwa 10 Tage an der El Pasostraße hier nahe bei angefallen hätten. Mr. Wallace, der eben genannte Beamte, hielt, wie er sagt, mit nur 7-9 Mann einen mehrmaligen Angriff aus einem Versteck von etwa 17 dieser Gesellen aus, bis er drei Thiere, ein Pferd und zwei Maulthiere, verloren hatte, worauf er sich zurückzog, jedoch nicht ohne ein oder zwei Indianer getödtet oder wenigstens schwer verwundet zu haben. Das gefundene Maulthierfleisch war also ohne Zweifel geraubtes Gut, und war zudem am Sattel nach jenem eben verlassenen Lager gebracht worden, was die noch dranhängenden Schleifen von Yuccablättern verriethen. Maulthierfleisch soll für diese Indianer ein wahrhaftes Festessen seyn, und die beutesicheren Gesellen jenes kleinen Lagers ließen sich wohl kaum träumen, daß sie es für die Geier zugeschnitten und hälftig schon getrocknet hatten. Sie tödteten fremdes Gut, nahmen sich Haut und Fleisch, dann kamen wir dazu, und so befand sich jetzt der Raub bereits in den Krallen der Geier.
Dem Fluß ziemlich nahe standen wir jetzt an einer weiten besonders wilden und tiefen Schlucht, hin und wieder lugend, wie wir sie überschreiten sollten. Plötzlich ward auf der andern Seite auf etwa 500 Schritte Entfernung ein berittener Indianer sichtbar. Er schien ein gutes Pferd unter sich zu haben und nahm kurz galopirend seine Richtung am Fluß heraufkommend ins Land hinein. Wir riefen ihm zu, er machte Halt und wendete sich uns zu, und nachdem er einige Augenblicke geschaut hatte, rief er ebenfalls etwas, allein wir konnten es nicht verstehen, nicht einmal ausnehmen in welcher Zunge er sprach. Er ritt wieder im Schritt an, sich mehrmals umsehend. Da viele unter diesen Indianern an dieser Gränze mexikanisch verstehen, so trat Jose Morales etwas bei Seite laut zu ihm sprechend und ihm durch Zeichen zu verstehen gebend, auf freundliche Unterredung näher zu kommen. Er schien es übrigens nicht zu verstehen oder kein Gehör geben zu wollen und so ritt er wieder an, und ließ sein Pferd bald wieder in Galopp fallen. So ritt er nach den Bergen zu, uns das Nachsehen lassend; als er still gehalten und nach uns herüber geschaut hatte, so hatte er uns und unsere Thiere wohl sorgfältig gezählt, vielleicht suchte er sich auch dabei zu unterrichten, ob keiner seiner Brüder unter uns als Gefangener seye. Wie immer, ich ließ ihn gerne scheiden, sey es auf Wieder- oder auf Nimmerwiedersehen. Wir konnten beim Zusammenkommen mit Rothhäuten nichts gewinnen und hatten im günstigsten Falle nur Zeitverlust zu gewärtigen. Die ganze Erscheinung und Vereinzelung dieses Reiters, sowie sein Verhalten hatten indessen so viel Räthselhaftes, daß unsere Leute sich nicht genug in Vermuthungen erschöpfen konnten, was noch durch eine in solchen Fällen natürliche Aufregung vermehrt wurde. Wir passirten die ebenbezeichnete Schlucht auf verschiedenen Punkten, die alle mehr oder weniger Arbeit und Mühe kosteten. Beim Hinunterklettern stöberte ich kaum zwei Schritte von mir einen mächtigen Rehbock auf, der eiligst seine Flucht die Halde hinunter nahm und da noch zwei Rehe aufscheuchte. Wir befanden uns in der That in einem reichen Wildland, welches sich die Indianer nicht übel auserlesen hatten. Uebrigens lassen sie sich dabei ihr armseliges Leben sauer genug werden, und sparen ihren Pferden und Maulthieren keinerlei Anstrengung. So fand ich an einem der Felsenhänge ganz frische Pferdetrappen, wo der eben gesehene Indianer in gerader Linie hinaufgeritten war. Die Neigung dieser durch Felsen und Busch ungangbaren Halde war zum wenigsten 36°. Was hatte der flüchtige Reiter hier gesucht, dessen Spuren wir in dieser Schlucht auf eine ziemliche Entfernung verfolgen konnten; die Dornen und Steine blieben stumm darüber.
Nachdem wir jene tiefe Schlucht hinter uns hatten, wo wir die Fährten des Indianerpferdes in verschiedenen Richtungen verfolgen konnten, blieb uns für den heutigen Marsch nichts mehr, als über ein zerrissenes klüftiges Felsgehänge hinabzuklimmen, dessen weniger steinige Stellen durch kaum durchdringliches Gestrüpp und Dorndickicht bedeckt waren. Mit ruhiger Geduld läßt sich indessen viel gewinnen, und solcher bedarf es namentlich in diesen Strichen des westlichen Texas, wo der Wanderer auch nicht einen unbewachten Schritt thun kann, ohne aufs Empfindlichste an Selbstbeherrschung gemahnt zu werden. Dieß und ähnliche Lagen sind die Pflanzschule seiner eigenthümlichen eisigen Ruhe, die den Charakter des amerikanischen Eingebornen und des in deren Fußstapfen wandelnden Hinterwäldlers bilden. Augen und Ohren nach allen Seiten hin, die mächtige allherrschende Stelle der Wildniß möglichst wenig störend schleichen die Bewohner dieser Landstriche ihre Wege fort, so ihr Ziel und ihre Zwecke sichernd.
Die Sonne hatte den Zenith längst übergangen, als wir dicht am Ufer des Flusses auf sandigem Gestade unser Lager aufschlugen. Der Platz war eine kleine größtentheils offene, aber nach der Landseite zu durch eine ungangbare Reihe felsiger Abhänge verschlossene Marsche. Wir hatten hier gegen unsere Vermuthung weder Indianer noch Spuren derselben gefunden; das gegenüberliegende mexikanische Ufer wird durch mächtige senkrecht abfallende Felsblöcke geschlossen. So hatten wir denn eine feste Stellung, die leicht durch wenige Männer selbst gegen eine bedeutendere Anzahl Feinde vertheidigt werden konnte. Zugleich waren die grasenden Maulthiere von einem überraschenden Davontreiben gesichert. Nachdem das Lager geordnet war, mahnte ich die Leute zu einem kurzen und schnellen Essen, um noch heute die bereiste Strecke dem Fluß entlang zu vermessen. Ich hatte dabei weniger die Beendigung dieser Arbeit im Auge, als mit einer Partie Männer jenen Landstrich zu durchstöbern, wo wir den alten F. verloren hatten. Es war wohl auch gedenkbar, daß der Verlorene wirklich Indianer gesehen und sich im Schrecken darauf lautlos versteckt hielt, ohne auf irgend ein Rufen mehr ein Lebenszeichen von sich zu geben. Bei seiner Unerfahrenheit und für solche Umstände nicht eben sehr gesammelten Geisteskräften war nothwendig, was zu thun war, schnell zu bewerkstelligen. Die Leute alle, die dem Alten um seiner stätigen Harmlosigkeit willen gerne unter sich hatten, waren willig, und so zogen wir über das zerrissene Schluchtenland zurück, um unsere letzt gesteckte Merkmale aufzufinden. Dieß war keine so leichte Sache, da ein solches ununterbrochenes Klippenland bei seiner Kahlheit dem Auge wenig mehr Anhaltspunkte bietet als die Wellenflächen einer rollenden See.
So fand der Nachmittag ein Häuflein von sieben wohlbewaffneten Männern, Schluchten um Schluchten auf- und abklimmend, die kurze Rastaugenblicke benützend, Athem zu holen und in die stumme Wildniß Lautrufe gebend, um wo möglich den Vermißten zur Hand zu bringen. Allein umsonst – nirgends war eine Spur zu sehen oder eine Antwort zu hören. Die Einöde hatte den Verlaufenen verschlungen und der Mann war so gut als über Bord gefallen. Die Sonne neigte sich und noch hatten wir unser Merkzeichen nicht gefunden, nach welchem wir jetzt ernstlicher zu fahnden hatten, sollte heute noch auch nur ein Theil des Werkes gethan werden; dieß mußte bald geschehen, da wir noch vor Nacht (Zwielicht ist in diesen Breiten von sehr kurzer Dauer), mehrere Pässe zu durchschlüpfen hatten.
Nach längerem Hin- und Hersuchen hatten wir endlich, was wir wollten gefunden, und säumten nichts vorwärts zu kommen; durchkreuzten auf unserer Linie wieder dieselben Schluchten und Schründe, aber auf anderen Punkten. Von dem Verschollenen war nichts zu spüren, wohl aber fanden wir die leeren Fährten von ein paar Pferden und einem Maulthier, die hier wie von Wahnsinnigen hin und her getummelt worden waren. Es ist unglaublich für den, der es nicht gesehen, was für Wildnisse, Klüfte, Büsche und Dickichte diese Indianer nicht zu Pferde durchreiten, Stellen denen der weiße Mann auf weite Entfernungen ausweicht.
Mit einbrechendem Dunkel hatten wir endlich unsere Lagermarsche erreicht und unser Geschäft für heute beendigt – ohne aber von unserem verlorenen Mann etwas mehr zu wissen. F. ist verloren, in der Einöde verirrt oder gefangen, so viel konnten wir uns sagen.
Gerne hätte ich diesen Punkt schon morgen wieder verlassen, um unser Geschäft in diesen Landstrichen so schnell als möglich zu beenden und durch diese Indianerstriche zu kommen, wo wir zum mindesten nur Aufenthalt und Verzug erringen konnten. Zu gleicher Zeit wünschte ich, diesen Söhnen der Wüste, die in ihrem Thun und Lassen wie Kinder von nichts geleitet sind als von Eindrücken des Augenblicks, so wenig als möglich Zeit und Gelegenheit zu geben, unsere Stärke oder besser unsere Schwäche auszuspähen. Wir konnten jetzt sicher seyn, daß wir in unserem Treiben von den Indianern streng bewacht und unablässig gefolgt waren. Menschlichkeit gebot indessen den Verlorenen nicht so schnell aufzugeben, und ich beschloß morgen eine wiederholte genaue Nachsuche halten zu lassen. Nach Sonnenuntergang wurden zwei Signalschüsse von je drei gleichzeitig abgefeuerten Büchsenschüssen gegeben.
Samstag, den 25 September. Fünf bewaffnete Männer ritten heute aus und durchsuchten jene Striche wiederholt, welche wir gestern auf unserem Marsch durchzogen hatten. An der verlassenen Indianerstätte fanden sie den vorhandenen Fleischvorrath von den Geiern vollständig aufgezehrt und die wenigen Knochen umhergezerrt, sonst schien sich da nichts geregt zu haben. In unserem gestern in der Frühe verlassenen Lager bezeugten eine alte zurückgelassene Hose und eine liegengebliebene Kürbisflasche, daß weder F. noch Indianer da gewesen; King unser Trainführer ein Kind der Wälder aus Tenessee, ein geübter, erfahrener Führer war in Begleitung eines andern Mannes zu Fuß und in entgegengesetzter Richtung ausgegangen. Er hatte sorgsam den Zug und Flug der Geier bewacht, für den Fall, daß der verlorene Alte der Mordsucht der Rothhäute zum Opfer gefallen seyn sollte – allein, alles Wachen und Rufen blieb ohne Erfolg.
„Was rannte er aber auch weg, sinnlos den Train verlassend?“ ließe sich fragen – er rannte seinem Verderben freilich in den Rachen. Es ist wahr, es war F - `s eigener Fehler, allein sowie er diesen machte, beging er ihn unwissend. Hätte er selbst wissentlich gefehlt, so wäre jetzt die Strafe zu fürchterlich, um nur nach dem Vergehen zu fragen. Bekommen wir den Verschollenen nicht wieder zur Hand, so war der Tod von Indianerpfeilen oder selbst Sklaverei bei diesen Wilden das Leichtere, was ihn treffen konnte, allein bei seiner Unerfahrenheit und Gedankenlosigkeit mußte er jetzt in der Wüste förmlich verelenden und zu Grunde gehen. Bei einiger Geistesgegenwart hätte er zum mindesten zum Fluß zu kommen gesucht, wo er unsere Spuren hätte finden müssen, oder aber an diesem hinunter seinen Weg nach dem Rio San Pedro und nach Eagle Paß verfolgen können. Pekaunenüsse, Beinbeeren (Celtis) und Wasser hätten ihm fortgeholfen. So aber lief er ohne Zweifel in seiner Angst fort, ohne sich weiter umzusehen bis er sich verirrt und fern von uns fand. Angst trieb ihn in diesem Falle planlos weiter, bis er alle Richtung verlor und bis ihn am Ende die Kräfte verließen. In solchem Zustande niedergesunken – was konnten ihm die kahlen, wasserlosen Einöden bieten? Mit wenigen wieder gesammelten Kräften wird er dann versuchen fortzukommen, bis er tiefer und tiefer rasend endlich zusammenbrechen und zu Grunde gehen muß, finden ihn nicht vorher die Indianer. Solchem oder ähnlichem Loose muß nun der arme Alte entgegengehen, hilft ihm nicht die Vorsehung. Sollte ihn der Zufall auf die etwa 12 – 15 Meilen entfernte El Pasostraße führen, so kann er auf dieser nächtlicher Weile in wirthlicheres Unterland kommen, vorausgesetzt, daß er sich nach der Weltgegend zurecht zu finden im Stande ist. Leider kann ich hierin dem Alten, sowie ich ihn bis jetzt kenne, nicht viel zutrauen. Ein bärenstarker stämmiger Mann, an Entbehrungen gewöhnt, ist er dennoch in vielen Dingen wie ein Kind. Voll Vertrauen zu jedem Menschen hat er, glaube ich, kaum den Begriff von Lüge; dieß zunächst gab, wie einige unsere Leute glauben, Veranlassung, daß er den Train verließ. Er hatte nämlich in unserem vorigen Lager eine mir gehörige Kürbisflasche mitzunehmen vergessen. Einer der Köche (Indian-French-Blood aus Canada) neckte ihn darüber und sagte ihm, daß er hiefür zwei Doll. werde zu bezahlen haben; dieß war genug für den sparsamen alten Familienvater, der hier bei unserer Partie harte und saure Arbeit that, um sich und den Seinen etwas Geld zu machen, womit begnügend er sich auf ein ruhigeres Alter vorbereiten wollte. Zu mir stets unbegränztes Zutrauen zeigend, wollte er mich über diesen wichtigen Fall augenblicklich zu Rathe ziehen, und da er mich etwas links vom Train abgesehen hatte, schlug er diese Richtung ein, um mich zu fragen, ob er um die vergessene Flasche zurückgeben solle oder nicht. So meinen einige unserer Leute und wie ich ihn kenne, dünkt mich die Sache nicht unwahrscheinlich.
In seinem Suchen verfehlte er mich, überhörte mein Rufen und Pfeifen, und war ein verlorener Mann.

Ein mexikanischer Lastzug

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