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Der deutsch-französische Krieg

Aus: Chronik für Pegau
Von Kirchner Kühn
II. Band Nr. 9, 1870

Wenn Jemand bei dem so friedlichen Beginn des Jahres 1870 prophetisch verkündigt hätte: dieses Jahr wird das glänzendste der deutschen, das schmachvollste der französischen Geschichte werden; es wird einen Krieg entzünden, wie ihn die Welt noch nicht gesehen; kaum vier Wochen nach der ersten Schlacht werden vergehen und Frankreichs sämmtliche Feldarmeen werden bezwungen, sein Kaiser gefangen, seine Festungen eingeschlossen sein; als lockeres, widerstrebendes Conglomerat von Staaten wird Deutschland das Jahr beginnen, als einiges mächtiges Kaiserthum es beschließen – hätte das Alles Einer fest behauptet – gewiß hätte man ihn reif fürs Irrenhaus gehalten ! Und dennoch ist Alles so gekommen !

1870 steht sühnend da für die Vergangenheit, strahlend für die Zukunft. -. Leider gestatten Zweck und Raum d. Bl. nur die gedrängteste Skizzirung des Wichtigsten.

Statt Bildung und Wohlstand seines Volks im Auge zu haben, war Napoleons III. Ziel einseitig die Befestigung seiner Herrschaft. (Anm. 1: Selbst ein Franzos gesteht: „Frankreich hat in den letzten 20 Jahren weder gedacht, noch studirt; es hat einzig von seinem Hochmuthe gezehrt, genährt durch ewige Lüge, Täuschung und Schmeichelei.“ Und ein seit Jahren mit Paris vertrauter Publicist fügt über dieses hinzu: „Seit dem Beginn des 2. Kaiserreichs waren Lug und Trug, Schmarozerei und Denunciation, moralische Verkommenheit, die größte Sinnlichkeit und die elendeste Corruption an der Tagesordnung. Sie zerstörten und zersetzten die Gesellschaft, ruinirten die Familie, zerschnitten das Band, das eine Nation in sich zusammenhält. Paris hielt in eitel Genußsucht, in frivolster Verachtung alles dessen, was civilisatorisch um Frankreich vorging, in einer maßlosen Selbstüberschätzung – all den Firniß, all den Flickram, mit welchem es sich betünchte und behängte, für die höchsten Interessen, denen eine Nation nachzustreben habe.)

Gleichwohl hatten seine Bestrebungen, sich Ansehn und Einfluß zu verschaffen, trotz der ungeheuren Opfer an Geld und Menschen, doch nur Scheinerfolge, ja schlugen in ihren Wirkungen schließlich nur ins Gegentheil um. So entfremdete er sich Rußland durch den Krimkrieg; seine Expedition nach Hinterindien, den Engländern zu schaden, war erfolglos; sein italienischer Krieg schwächte Oestreich, Preußens natürlichen Gegner, und stellte den Papst blos; sein Zug nach Mexiko entfremdete ihm Amerika. Frankreich sank in ungeheure Schulden- und Steuerlast; die innere Unzufriedenheit nahm überhand; die republikanische Partei ward reger; selbst das Militär stellte sich bei dem lächerlichen Plebiscit als ihm zum Theil abhold heraus – da galt es ein Va-banque ! Ein großartiger Erfolg gegen das so schnell gestiegene und darum so verhaßte Preußen vermochte allein ihn zu retten und neu zu stützen, während ein Mißerfolg das nahe Ende höchstens beschleunigen konnte. Er hoffte was er wünschte; denn der norddeutsche Bund enthielt noch viel gährende Elemente, Süddeutschland wehrte sich gegen Preußens Oberherrlichkeit, Dänemark und Schweden jubelten dem Kriege entgegen, Preußens Neubewaffnung mit verbesserten Hinterladern war erst im Beginn – während Frankreichs Armee nun durchgängig mit Chassepots (trefflichen Hinterladern) versehen war, zahlreiche Mitrailleusen (Kugelspritzen) kriegsbereit standen und eine gewaltige Panzerflotte kräftigst einzugreifen versprach. So fehlte nichts als eine Veranlassung – und die war bald gefunden ! Die Wahl des Prinzen Leopold von Hohenzollern zum König von Spanien mußte dazu dienen. Auch dessen Verzichtleistung vermochte nichts zu ändern: am 19. Juli kam die französische Kriegserklärung in Berlin an. Da aber stand Nord- und Süddeutschland wie ein Mann gegen den übermüthigen Erbfeind auf (Anm. 2: Während Rußland freundnachbarlichst dem Dänen und Oestreicher den Daumen auf`s Auge setzte.) – und die vereinigten deutschen Armeen standen noch eher gerüstet am Rhein als die Herren Franzosen ! Obwohl nämlich ganz unerwartet, so doch nicht unvorbereitet traf Preußen dieser Kriegsfall, denn schon seit 66 mußte es darauf gefaßt sein. Karten, Pläne, sonstige Kriegsbereitschaft – Alles war fertig. Moltke erklärte: „Wir sind noch nie in der Lage gewesen, mit solchen Aussichten auf Erfolg einen Krieg anzunehmen, wie jetzt.“ Nun galt es: Auf zum Rhein ! Alle Eisenbahnen wurden in Beschlag genommen, Tag und Nacht rollten die massenhaften Züge, die Rheinbrücke Kehl-Straßburg ward gesprengt, die Häuser um Mainz rasirt, der Reichstag einberufen, eine ND. Bundesanleihe von 120 Mill. (5% à 88 Cours) ausgelegt und rasch gezeichnet, (Anm. 3: Ihr folgte später noch eine zweite von 100 Mill. Thaler.) die Commandanten der 12 ND. Armeecorps ernannt (unser Kronprinz Albert für das 12., die Sachsen), die Corps in 3 Armeen getheilt: Süd: Kronpr. v. Preußen, Nord: v. Manteufel, Centrum (2. 3. 4. u. 12. Corps) Prinz Friedrich Karl, Reserve: v. Steinmetz, Küstenschutz: Vogel v. Falkenstein. Baiern, Würtemberg und Baden schlossen sich mannhaft dem Bunde an – die Mainlinien war gefallen ! Um die Häfen und Küsten vor den Verwüstungen der mächtigen französischen Kriegsflotte zu schützen, wurden nicht nur furchtbare Strandbatterien errichtet, Tau- und Kettensperren angebracht, sondern auch Torpedo`s (sich durch Berührung selbst entzündende Höllenmaschinen mit 4 Centner Pulver) gelegt. Außerdem standen 100,000 Mann bereit, etwaige Landungsversuche entschieden zurückzuweisen. (Anm. 4: Diese Verwahrung hatte zur glücklichen Folge, daß keins der gewaltigen Panzerschiffe es wagte, sich der Küste zu nähern, vielmehr alle sich begnügen mußten, die deutschen Häfen zu blokiren und ab und zu ein Handelsschiff zu kapern, bis sie endlich genöthigt waren, zum Schutze des eignen Landes nach Hause zu eilen, während sie französischen Berichten zufolge Stettin, Danzig, Königsberg u. a. in Trümmer geschossen hatten. Später dahin gebrachte gefangene französische Officiere waren daher nicht wenig erstaunt, Alles ganz unversehrt zu finden: „Wir sind belogen worden von Anfang bis Ende !“

Während alledem schlug jedes deutsche Herz in bangster Erwartung. Sprach doch ein Gerücht schon von der Ueberrumpelung und Gefangennahme der ganzen baden`schen Armee ! Man dachte sich eben Kriegserklärung und Kriegsbeginn für gleichzeitig. Daß die Franzosen bezüglich der Mobilisation im Allgemeinen noch weiter zurück seien als die Deutschen, glaubte man nicht, und über Bewegung und Aufstellung unsrer Truppen durfte nichts geschrieben werden. Dem französischen Volke erging es aber noch schlimmer; denn ihm hatte die Regierung durch ihre Ruhmredigkeit den Mund erst recht wässern gemacht. Nur in Königsberg wollte Napoleon den Frieden dictiren; nur deutsche Specialkarten hatten die Officiere in der Tasche, und um recht schmuck in Berlin einziehen zu können, hatte Jeder sich mit einem neuen Paradeanzug versehen ! – Endlich, nachdem bereits 14 Tage in`s Land gegangen, glaubte Nap. die Ungeduld der Pariser nicht länger auf die Folter spannen zu dürfen: Von Metz, seinem Hauptquartier, (König Wilhelm hatte das seine in Mainz) eilte er mit seinem Sohne Ludwig herbei und griff am 2. August mit drei Divisionen (mehr als 30,000 Mann und 23 Geschützen) die mit einer Garnison von 1400 Mann belegte offne Grenzstadt Saarbrücken an, nahm sie nach 3 ½ stündigem Kampfe und telegraphirte den „großartigen 1. Sieg“ über das preußische Heer nach Paris: „Louis hat die Feuertaufe erhalten ! Der kühne Anlauf unsrer Truppen war so groß, daß unsre Verluste nur gering sind !“ – Da kam aber mittlerweile die deutsche Südarmee (1. und 2. Korps der Baiern, 5. und 11. der Preußen, nebst 1 Division Würtemberger) unter Führung des prß. Kronprinzen „Fritz“, überschritt sofort die franz. Grenze, erstürmte den 4. August die weißenburger Linien ( Befestigungen) und den Gaisberg, trieb die franz. Division Douay in die Flucht, dadurch diesen General zum Selbstmord, machte 800 Gefangene und eroberte ein Geschütz und ein Zeltlager. So eröffneten die Deutschen den Krieg. Wir zu Hause hatten unsre Gedanken noch gar nicht einzulenken und zurecht zu legen vermocht, da kam schon eine zweite, noch bedeutungsvollere Siegesbotschaft, und zwar gleich doppelt: Am 6. August besiegte dieselbe Armee bei Wörth die franz. Korps Mac Mahon und Frossard, eroberte 2 Adler, 5 Mitrailleusen, 32 Geschütze und machte gegen 10,000 Gefangene, während an demselben Tage bei Forbach und Spicheren 27 prß. Bataillone unter Kamecke 39 franz. Bat. unter Canrobert und de Failly schlugen, beladene Bahnzüge, 7 Geschütze, 2 Pontoncolonnen (40 Wagen), 10,000 Wolldecken, Mac Mahons Gepäck und Kriegskasse erbeuteten und 3000 Gefangene machten. – Nach diesen drei Schlachten, in denen die Deutschen unter starken Verlusten den heldenmüthigsten Widerstand der Franzosen brachen, flohen diese kopf- und haltlos der Mosel zu, alle kleinern festen Plätze den Siegern überlassend. Da machten sich in Deutschland die Herzen Luft – der Siegesjubel brach los. Nicht nur einig, auch hoffnungsfreudig fühlte sich Nord- und Süddeutschland, während die Pariser noch an der „Schlacht von Saarbrücken“ zehrten, gleichwohl aber es für nothwendig erachteten, über Paris den Belagerungszustand auszusprechen, allgemeine Bewaffnung zu decretiren, die pariser Forts in Stand zu setzen und – alle Deutschen (ca. 150,000 !) aus dem Lande zu treiben. Auch Nap. erschien es in Metz nicht mehr geheuer: am 14. Aug. wandte er sich zurück nach Verdun und Chalons, das Commando der „Rheinarmee“ dem Marschall Bazaine übergebend. Und es war hohe Zeit, denn an demselben Tage schon schlug Steinmetz seinem Grundsatze gemäß: wo man den Feind findet, greift man ihn an – die franz. Nachhut bei Courcelles, südöstlich von Metz, die deutschen Armeen überschritten nach und nach bei Pont a Mouson die Mosel, stießen am 16. August bei Mars la Tour („Marsch retour !“) westlich von Metz auf die im weitern Rückzuge sich befindende Rheinarmee, drängten sie „in zwölfstündigem, heißem Ringen“ über Vionville und am 18. Mittag 12 bis Abend 9 Uhr, obwohl unter ungeheuren Verlusten (gegenseitig je 50,000 Mann) über Rezonville, Gravelotte und St. Privat vollends nach Metz zurück und schlossen sie hier ein. Am 18. August war es auch unserm sächsischen Korps (das am 10. erst die französische Grenze überschritten) vergönnt, sich an dem großen deutschen Kampfe zu betheiligen, und zwar mit solchem Heldenmuthe seiner Mannen und so einsichtsvoll und erfolgreich von unserm Kronprinz Albert geleitet, daß demselben das eiserne Kreuz und die Führung einer aus dem 4., 12. und Gardecorps neugebildeten vierten Armee übergeben ward, (Anm. 5: Sein Bruder, Prinz Georg, ward Commandant des 12. Korps.) mit welcher und der 3. Armee unter Fritz er vorwärts auf Paris marschirte, während die 1. Armee und Theile der 2. (ca. 200,000 Mann) unter Prinz Friedrich Karl zur Einschließung von Metz verwendet wurden. Schon hat die 3. Armee den 25. Aug. Chalons erreicht und die Ulanen streifen bis Rheims – da sieht man, daß die Vögel bereits ausgeflogen, und vernimmt: (durch englische Blätter über Berlin) Mac Mahon und Nap. haben sich nördlich gewendet, um längs der belgischen Grenze die Deutschen zu umgehen und Bazaine in Metz zu entsetzen. Sofort heißts „rechts um !“ und schon den 27. Aug. trifft sächs. Kavallerie bei Busancy auf den Feind; am 29. liefert ihm das 12. Korps bei Nouart ein siegreiches Treffen, am 30. die ganze 4. Armee die Schlacht bei Beaumont, und am 1. Sept. früh 4 bis Nachm. 5 Uhr führt die 4. und 3. Armee vereint bei Sedan die Entscheidung über die letzte freie franz. Feldarmee von 120,000 Mann herbei: Kaiser Napoleon III. giebt sich gefangen !

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