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Der Ghaut - Eine Skizze aus Indien, Teil 1

Ein Reisebericht aus der Zeitschrift "Das Ausland."
Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
München, J.G. Cotta´sche Buchhandlung, Nummer 284 und 285, 11. und 12. Oktober 1829

Calcutta, dessen recht auf den Beinamen: "Stadt der Paläste", nur Wenige geneigt seyn möchten zu bestreiten, erfüllt den Ankömmling mit Bewunderung und Erstaunen. Die traurige Rhede bei Saugur, die von einer niedern, flachigen, sandigen Küste begrenzt wird, macht einen üblen Eindruck; aber wenn nach einer Zwischenzeit von oft nur einer Nacht, die Pinnacke, welche die Reisenden aus der angesehenern Classe aufnimmt, vor der Hauptstadt Bengalens landet, ist es, als würde der Zuschauer durch die Gaukelei eines Bilderkastens aus öder Wildnis plötzlich unter einen leuchtenden, lachenden Himmelsstrich versetzt, der von animalischem Leben schwillt und von Blumen und Früchten glüht. Tritt der Fremde des Morgens oder Mittags an`s Land, so bietet ihm die ganze Strecke von dem Ghaut (Landungsplatz) bis zu seinem künftigen Wohnorte eine ununterbrochene Reihe neuer und wundervoller Gegenstände.

Die Sonne strömt eine Fluth blendenden Lichtes vom blauen, wolkenlosen Aether, verdeutlicht die fernsten Gegenstände mit ihren hellen Strahlen und kleidet jeden Stein, jeden Zweig, worauf sie fällt, in glühendes Gold. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird dann zunächst durch die Häuser auf sich gezogen: mit Bewunderung sieht man den edlen Stil der Architektur, die platten Dächer, die weißen Seitenflügel, welche sich unter Gruppen bunten Laubs verlieren. Die prächtigen Gebäude stehen zu nahe beisammen, um bloß das Ansehen von einzelnen Villen zu haben, und doch bilden sie auch keine fortlaufende Reihe, indem diese von Gärten und Gesträuchen, oder auch, wie in der Mitte in der Stadt, von großen Hofräumen unterbrochen wird, die nicht selten mit Terrassen voll blühender Gewächse eingefaßt sind. Sodann macht die große Heerstraße, von jener rothbraunen Farbe, welche auf Landschaften eine so wohlthuende Wirkung hervorbringt, ferner die zahlreichen, mit Schilf umränderten und wie Spiegel glänzenden Teiche, und endlich das malerische Gewühl der Einwohner, einen höchst angenehmen Eindruck. Eine Menge Hakerys, d.h. schmale, von zwei kleinen Büffeln gezogene Karren, kommen in Reihen von ein bis zwei Dutzenden daher. Die Thiere, welche Höcker zwischen den Schultern haben, sind weit aus einander gespannt, und werden von einem Eingeborenen getrieben, der nicht selten aufrecht auf dem Wagen steht, fest wie eine eherne Statue, und anmuthig in seinen Bewegungen, ohne eine Spur von der trägen Schwerfälligkeit europäischer Bauern.

Neben den Hackerys erscheinen die Palankin-Wagen, von zwei Pferden gezogen-das Gitter halb zurückgeschoben, um der Luft freien Durchzug zu lassen; ferner die Cabriolets oder sogenannten Buggy`s mit ihren Syces, d.h. Stallknechten, welche bei dieser Gelegenheit das Amt der Läufer versehen, indem sie neben den Rädern herrennen und Denjenigen, welche etwa das Fuhrwerk in seinem Gange aufhalten könnten, laut zurufen. Nächst diesem fallen die Kurantschi`s ins Auge, eine Art Gefährt, von welchem wohl noch nie eine Beschreibung gegeben worden ist. Sie stehen zur Miethe in den Straßen, wie unsre Fiakers, und gleichen ungefähr schlechten Landauer Wägen, mit hölzernen Sitzen, bisweilen wohl auch mit rings umher laufenden Vorhängen. Zwei elende Mähren, die mit Stricken an einander gekoppelt sind, ziehen. Die nackten Arme von vier bis sechs Eingebornen sehen aus der Maschine heraus, und bilden gegen die überall umher verbreitete Pracht einen wunderlichen, ergetzlichen Abstich. Ebenso nehmen die Palankins oder Palkis die Aufmerksamkeit in Anspruch: lange, schwarze Kisten, welche an einer Stange aufgehängt sind, und von vier Personen getragen werden; ein kleines Thürchen auf jeder Seite läßt den Herrn oder Miethsmann hinein, welcher in ausgestreckter Lage darin ruht, oder wenigstens zu ruhen sucht, was demjenigen welcher an diese Art der Bewegung nicht gewöhnt ist, oft schwer genug wird. Die geräumigen Durchgänge wimmeln von Fußgängern.

Ein geübtes Auge vermag die eigenthümliche Kaste eines Jeden zu unterscheiden; für den Fremden aber ist freilich Alles ein unauflöslicher Wirrwarr, obwohl auch er die Beschäftigungen eines großen Theils der Vorübergehenden leicht erkennen wird. Die Bestis oder Wasserträger erscheinen mit großen Schläuchen, oder zwei irdenen Krügen, welche ihnen von der Schulter herabhängen; die Dobis oder Wäscher mit Körben voll Weißzeug; Schaaren von Kulis, d.h. Lastträgern, welche teils auf dem Kopfe, theils auf den Schultern tragen. Tschuprassis, Boten im Dienste angesehener Häuser; Gruppen von Bedienten, die vor den Thoren ihrer Herren umherschlendern; endlich Legionen von Müßiggängern kauern - dieß Wort drückt ihre Stellung am Besten aus - an den Seiten der Gebäude oder auf der Erde. Die vornehmere Classe stolzirt umher mit hoch gehaltnem Kopfe und dem Ausdrucke selbstbewußter Würde. Personen dieser Art sind in weißen Musselin, oder dießschimmernden Farben Chinas, wie z.B. zartes nelkenroth oder gelben Ambraglanz gekleidet, was gegen den schneeweißen D`Hotih (ein Unterkleid, das bis unter die Knie herabreicht), und das dunkle Gesicht gar hübsch absticht. Der Große ist gewöhnlich von einer Schaar Bedienten umgeben, deren Einer die Tschattha (Sonnenschirm) trägt, mehr, wie es scheint, zum Staate, als zum wirklichen Gebrauche, denn er geht immer zwei bis vier Fuß hinter seinem Herrn, oder hat wenigstens, wenn er auch näher ist, das Aussehen, als wolle er mehr sich selbst, als seinen Gebieter, vor der Sonne schützen.

Die Tschatthas sind übrigens für die Bestimmung, zu welcher sie dienen, sehr übel berechnet, denn sie geben wenig Schatten. Einige bestehen aus geflochtenem Rohr, andere kostbarere aus bemaltem Zeug. Auf der Straße von dem Ghaut nach Tschauringi, dem Quartier der vornehmen Welt von Calcutta, fällt zuerst das Gouvernementshaus ins Auge; ein herrliches, großes Gebäude mit vier Facaden, die einander an Pracht Nichts nachgeben. Es steht auf einem weiten, mit Schranken eingefaßten Platz, der in Hofräume übergeht, welche jedoch nicht den geringsten Theil des Palastes dem Zuschauer entziehen. Das Fundament ist erhöht; man nähert sich auf breiten Flügeltreppen. Gleichwohl ist es nicht die Schönheit des Gebäudes, was den Fremden zuerst in Anspruch nimmt, sondern die fast zahllosen Heere von Adjutanten, d.h. großen Vögeln, welche auf jedem vorspringenden Punkte des Gebäudes sitzen und Anfangs als steinerne Ornamente erscheinen, da sie oft ziemlich lang ganz bewegungslos bleiben und mit Gewissenhaftigkeit den eingenommenen Posten behaupten. Diese Vögel finden sich in Menge in ganz Calcutta, obwohl nirgends so zahlreich wie auf dem Gouvernementshaus, welches ihr eigentliches Stelldichein zu seyn scheint. In einiger Entfernung, besonders wenn sie auf irgend etwas Erhabenem sitzen, haben sie ein stattliches Ansehen; bei genauer Besichtigung aber zeigen sie sich als die unflätigsten und ekelhaftesten aller Luftbewohner. Ein dunkler, schieferfarbiger Leib, ungefähr so groß, als der einer Gans, ruht auf hohen, dünnen Beinen; der lange Schnabel ist mit einem fleischfarbigen Beutel versehen, wodurch das Widerliche des Anblicks noch erhöht wird. Nächst den Habichten und Krähen, welche übrigens ganz hübsche Thiere sind, üben die Adjutanten das Amt der Gassenkehrer, indem sie sich von jeder Art Unraths nähren und deshalb unter dem Schutze der Gesetze stehen.

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