Direkt zum Hauptbereich

Der Ghaut - Eine Skizze aus Indien, Teil 2

Ein Reisebericht aus der Zeitschrift "Das Ausland."
Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
München, J.G. Cotta´sche Buchhandlung, Nummer 284 und 285, 11. und 12. Oktober 1829

Das Innere der Häuser in Calcutta widerspricht dem äußern Pomp keineswegs. Das Erdgeschoß dient bisweilen zu bewohnbaren Gemächern, gewöhnlich jedoch nur zur Niederlage für Waaren, Geräthe u. dgl. Eine zierliche Treppe führt zu einer Reihe glänzender Besuchzimmer, welche, oft zehn an der Zahl, sich in einander, so wie nach großen Verandas zu öffnen. Letztere werden von steinernen Pfeilern unterstützt und sind von einem Flechtwerke aus grün bemaltem Bambus umgeben, welches bis auf den Boden herabgeht, aber nach Gefallen aufwärts zu schieben ist. Die Wände der Zimmer sind glatt, ohne Tapeten u. dgl., welche den Moskitos zum Aufenthalte dienen würden; aber reichlich mit verzierten Leisten geschmückt, an welchen Lüstres befestigt sind, die aus zwei oder drei großen dunkeln Gläsern bestehen, worin sich kleinere, mit Palmöl getränkte Gefäße befinden; ein gleichförmiges, mildes Licht, worauf der Luftstrom, der die fast unerträgliche Hitze abkühlt, keinen Einfluß ausübt, verbreitet sich bei Nacht aus denselben.

Die Punka, ein Instrument, um die Luft in Bewegung zu setzen, aus gemalten Kannefaß, Seiden-Damast oder noch einem kostbarerem Stoffe verfertigt, wird über einen der Größe des Gemaches angemessenen, hölzernen Rahmen von etwa drei Fuß im Umfange gespannt und an reich verzierten, von der Zimmerdecke herabhängenden Schnüren befestigt. Ein daran angebrachter Zug geht entweder durch die Wand und wird von außenher bewegt, oder es geschieht dieß durch einen Bedienten innerhalb des Saales selbst. Die zahlreichen Fenster sind sämmtlich mit Schillmills, d.h. venetianischen Blenden versehen, welche die Sonnenstrahlen abhalten, während sie der Luft freien Durchzug lassen und bei Nacht ganz weggenommen werden können. Viele Thüren, die von einem Zimmer ins andere führen, sind bloß solche Schillmills. Das übrige Hausgeräthe ist von dem in Europa gewöhnlichen nicht sehr verschieden. Vorhänge trifft man nicht (außer vor den Betten, zum Schutze gegen die Moskitos) und überhaupt wenig Draperie, wegen der vielen Insekten, die trotz der Vorkehrungen, die man gegen sie ergreift, sehr lästig werden.

Das Auffallendste aber in einer indischen Residenz ist die Menge von Bedienten: wohin der Blick fällt, trifft er auf ein Gewimmel dunkler Figuren in allen Arten von Kleidung und Nichtkleidung. Die Kitmurgars, Fußbediente, welche bei Tisch hinter dem Stuhle stehen, und deren jedes Glied der Familie wenigstens Einen haben muß, sind beständig Moslimen. Ihr Anzug ist prachtvoll; er besteht in einem platten halb bunten, bald weißen Turban, der mit Gold oder Silber durchflochten ist; einer langen, weißmusselinenen Weste, die auf beiden Seiten, von den Hüften abwärts, und eben so auf der innern Seite der Aermel bis zum Ellbogen offen steht; einem Paar musselinenen Pluderhosen, und einer Schärpe von weißem oder zweifarbigem Zeug, die nach Art eines Stricks über der Weste zusammengebunden wird. Die Surdahbirers (Oberbedienten) und die Dirzis (Schneider), welche man im Vorzimmer bei ihrer Arbeit sitzen sieht, haben dieselbe Kleidung. Die Tschuprassis tragen das D`Hotih nebst einer Jacke, die aber nicht so wohl steht, wie die Weste der Kitmurgars, einer Schärpe, einem Turban und einer Silberplatte auf der Brust, wodurch ihr Amt angedeutet wird. Außer diesen eben genannten Bedienten giebt es aber noch ganze Schaaren, deren Bestimmung der Fremde nicht sogleich begreift. Mit einiger Bewunderung sieht er unter dem schmucken Gefolge mehr als halb nackte Gesellen gemächlich mitschlendern, indem sie bald die Punkas in Bewegung setzen, bald das Geräthe abstäuben, die Flur kehren und andere Dienste verrichten, welche zu gering für die höhere Classe ihrer Mitbedienten sind. Diese Menschenklasse erscheint bloß mit einem Tuche um den Kopf, und einem andern um die Hüften, das nicht ganz bis zu den Knieen herabhängt. Gleichwohl erregt der Mangel an Bekleidung wegen der dunkeln Haut, die einem europäischen Auge beinahe wie ein knapp anliegendes Gewand vorkommt, nicht das ungewohnte Gefühl, welches ein Weißer in einem Aufzuge dieser Art erregen würde. Kein Bedienter trägt irgend eine Fußbekleidung, aber keiner naht seinem Herrn mit unbedecktem Haupte. Ihre Turbans sind höchst mannigfaltig; einige ganz von Musselin oder Wollenzeug, vom Träger nach eignem Geschmacke gefaltet; andere mit großer Sorgfalt auf einem Grundwerke von sonderbarer Form aufgeführt. Die Stallknechte und einige andere Diener tragen bloß musseline Mützchen, die übrigens nicht selten mit Gold und Silber besetzt und gestickt sind. Im zweiten Stockwerke, in den Schlafgemächern, trifft man die Ayahs, Kammermädchen; die Metrannis, ihre Untergebenen; die Birers, welche die Betten machen; und die Meter-Birers, d.h. Feger; beide letztere sind Männer.

Neuer Glanz charakterisirt die Abendpartien in Calcutta. Gegen Sonnenuntergang finden sich die europäischen Residenten, die reichen Halb-Kasten, und die höheren Classen der Eingebornen mit ihrem ganzen Gefolge auf dem Rennweg, dem Hyde Park der Stadt, ein. Die letztern haben Vieles von den englischen Sitten angenommen, und erscheinen in Kutschen, Buggy`s, Palankinwagen u.s.f. je nach ihrem Geschmacke oder Vermögen. Alle diese mannigfachen Fuhrwerke sind an der Stelle offen, wo die Damen sitzen, welche, den Kopf gewöhnlich unbedeckt, sonst aber ganz für das Diner angekleidet, ihre Huldigungen von den neben her galoppirenden Cavaliers empfangen. Man bemerkt da jede Abstufung der Farbe von der blendenden schneeigten Haut der nordischen Schöne bis zum bleichen Gelb der Armenierin, dem dunkeln Teint der portugiesischen Halb-Kaste, und dem vollendeten Bronze der Eingebornen; die Trachten aber wechseln mit dem Geschmacke und den Sitten der bunten Gruppe. Einer der anziehendsten Gegenstände, auf die man hier stößt, sind Wagen voll schöner Kinder, die in den Armen ihrer Ayahs wie Wachspüppchen aussehen; und auf dem Wege zum Corso wird ebenso das Auge gar häufig von den Amorsgestalten kleiner Jungen gefesselt, welche, von zwei Syces begleitet, daher reiten, die blonden Locken in der Luft wehend.

Die Equipage des Generalgouverneurs fliegt herbei und vermehrt die Pracht der ganzen Scene. Er ist von einer Leibwache berittener Sipoys umgeben, die ein männliches, soldatenhaftes Ansehen haben. Aber mitten in der Herrlichkeit sinkt tiefes Dunkel auf den Schauplatz; die Nacht ist mit einem Male da, und man vermag das bekannteste Gesicht in einem dicht vorüberfahrenden Wagen nicht mehr zu unterscheiden. Nie jedoch nimmt sich wohl die Stadt der Paläste prachtvoller aus, als wann sie bloß von dem Lichte bestrahlt wird, welches von unendlich vielen, offen stehenden Fenstern ausströmt; wann die Feuerkäfer um die Bäume flimmern oder wie Sternschuppen Einem durch den Weg schießen, und wann endlich die Blumen den ganzen Reichthum ihres Balsams in die Abendluft senden. Das Diner um acht Uhr ist ein höchst einladender Schmaus. Der Luxus des Morgenlands bietet hier dem Himmelsstriche Trotz; jede warme Speise wird auf heißen Schüsseln und Platten aufgetragen, um von dem Winde der Punka nicht abgekühlt zu werden; während Wasser, Wein und Bier durch die vorsichtigen Maßregeln des Adbar`s (Mundschenken) von einer herrlichen, erfrischenden Kühle durchdrungen sind. Die Tische, mit dem feinsten Geschirr besetzt und strotzend von eben so leckern als fremdartigen Gerichten, reizen den Appetit. Wie mancher Alderman von London seufzt umsonst nach dem echten Mulligatawey, und würde alles Fett einer Schildkröte für einen Bissen von dem köstlichen Mangofische mit dem famösen Rogen oder für gewürzten Pillaw hergeben, um Nichts zu sagen von den Ananastorten oder Pisangkuchen, welche die zahlreichen Schüsseln einer indischen Tafel bedecken.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Herkunft der Kroaten

Die Kroaten (kroatisch Hrvati) sind ein Volk, das heute hauptsächlich in Kroatien, in Teilen von Bosnien-Herzegowina und im österreichischen Burgenland lebt. Sie sprechen eine südslawische Sprache und gehören der römisch-katholischen Kirche an. Abhängig von der Wirtschaftslage ihrer Heimat, zog es viele Kroaten im Laufe der Zeit auch ins Exil. Kroatische Minderheiten leben heute unter anderem in Westeuropa, Amerika und Ozeanien.

Im Zuge einer Völkerwanderung besiedelten im 6. / 7. Jahrhundert slawische Stämme ihr Gebiet. Eine in Tanais, einer ehemaligen griechischen Kolonialstadt in Russland am unteren Don, gefundene Schrift aus dem 2. Jahrhundert enthält den Namen Horoathos. In den kirchenslawischen Quellen werden Hrvate erwähnt. In Kärnten gibt es im 10. Jahrhundert Kroatengaue.

Bemerkenswert ist die Namensähnlichkeit mit einem Stamm, der bis zum 11. Jahrhundert in Schlesien und Teilen Böhmens erwähnt wird. Diese Chorwaten, die dort gelebt haben, sind in einer Urkunde von 1086 auch …

Die Venus von Willendorf

Die Venus von Willendorf ist eine circa 30.000 Jahre alte Figur aus Stein, die 1908 in der Wachau bei Willendorf in Österreich gefunden wurde. Sie stammt aus der jüngeren Altsteinzeit und wird heute im Naturhistorischen Museum Wien aufbewahrt. Sie ist eines der ältesten bekannten Kunstwerke überhaupt und ist so kostbar, dass über lange Zeit dem Besucher lediglich eine Nachbildung anschaubar war. Heute ist das Original von einer speziellen Tresorvitrine umgeben.

Die Venus im Museum
Was stellt die Venus dar?

Die Figur ist 11 Zentimeter hoch und hat breite Brüste und Gesäß. Ursprünglich war sie dick mit roter Farbe bemalt. Den Kopf umgibt eine auffallend lockige Haarpracht, die reihenförmig und noppenartig angeordnet ist. Es könnte sich auch um eine Kopfbedeckung handeln, die recht kunstvoll anmutet und über die Stirn gezogen ist. Unter dieser ist auf der linken Seite der unteren Kopfhälfte ein Loch erkennbar, das eindeutig an ein Auge erinnert. Unten am Kopf befindet sich mittig ein kur…

Kroaten im Ausland

Kroatien mit der Hauptstadt Zagreb hat heute rund 4,3 Millionen Einwohner. Im Jahr 2000 lebten in Bosnien-Herzegowina rund 570.000 Kroaten und davon ungefähr 48.000 in Mostar. Nach Schätzungen gibt es im Ausland etwa 1,5 bis 2 Millionen Kroaten.

Die erste Auswanderungswelle nahm mit den osmanischen Eroberungen auf dem Balkan im 15. und 16. Jahrhundert ihren Lauf. Im Zuge derer flohen Einwohner bedrohter Gebiete in sichere Teile Kroatiens, nach Österreich, in die Slowakei und nach Ungarn. In dieser Zeit siedelten sich auch die ersten Kroaten im Burgenland an, von denen heute noch 60.000 dort leben. Im Westen Ungarns beläuft sich die Zahl der Burgenlandkroaten noch auf 10.000, die der übrigen ist mit 100.000 allerdings noch etwas höher, meist in den angrenzenden Gebieten. Für die Slowakei gibt es keine genauen Zahlen.

In der Wojwodina, dem nördlichen Teil Serbiens, sind nach der Volkszählung von 2002 noch circa 60.000 Kroaten ansässig. In Montenegro wurden 2003 circa 7000 Kroaten gezäh…