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Der Ghaut - Eine Skizze aus Indien, Teil 3

Ein Reisebericht aus der Zeitschrift "Das Ausland."
Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
München, J.G. Cotta´sche Buchhandlung, Nummer 284 und 285, 11. und 12. Oktober 1829

Die Mitternachtsstunde giebt in Calcutta dem Fremden eben so neue, wenn auch nicht so anmuthige Gegenstände zu sehen, als der tag. Leuchtet der Mond mit seinem tropischen Glanze über der Stadt, so bemerkt man Rudel von Schakals, welche über die Straßen rennen, und in den Gärten auf Raub ausgehen; und wenn in Nächten, wo bloß die Sterne an dem klaren, aber dunkelblauen Himmel funkeln, das Auge auch Nichts von diesem marodirendem Gesindel gewahrt, so giebt doch ihr lautes, anhaltendes Geheul hinlänglich zu erkennen, wie nahe sie sind . Wirklich ist Stille durchaus kein Attribut der indischen Nacht: die Eingebornen scheinen immer auf den Beinen zu seyn; ihr Gesang und Geschrei vermischt sich mit dem Brüllen der wilden Thiere; und wenn, wie im Jahr 1828, das hindustanische Fest des Jaggernaut mit dem Hurmurrah (Ramadan) der Moslimen zusammenfällt, so verschwindet jeder Gedanke an Ruhe. Das Schlagen der Tom-Toms (Trommeln), verbunden mit dem Ton andrer mißklingender Instrumente, das Abschießen der Gewehre, und der Lärm der Menschenstimmen tödten im eigentlichen Sinne den Schlaf in einer Stadt, wo jedes Fenster der Hitze wegen offen gehalten werden muß;

und obwohl die Höhe der Häuser in Calcutta, und die Breite der Verandas, nach welchen zu die Schlafgemächer liegen, letztere ziemlich weit von der Straße entfernt halten, so gehört doch schon ein Ohr, das seit vier Monaten an das fortwährende Geräusch auf einem Schiff gewöhnt ist, dazu, um auch nur beim alltäglichen Lauf der Dinge schlafen zu können; fällt aber gar ein Jahresfest, wie das eben genannte, ein, so leistet selbst eine solche Vorbereitung nur geringen Dienst. Uebrigens sind diese Mißtöne nicht das Einzige, was die Nacht in Calcutta unangenehm macht; die Hitze und die Moskito-Stiche stören jede Lust für den Fremden; er muß sich an Beides erst gewöhnen, eh`er irgend einen Genuß aus dem Anblick und dem Wohlleben des Morgenlands schöpfen kann. Verläßt er, sich einen Augenblick vergessend, die schützende Luft der Punka, um aus dem Nebenzimmer etwa ein Buch zu holen, so faßt ihn eine plötzliche Beklemmung; es ist ihm, als ob er in eine Badstube träte; er vermag kaum in der schwülen Atmosphäre zu athmen und eilt zur Punka zurück, oder sinkt auf die Tattis, d.h. Grasmatten, welche unter den Fenstern hängen, und beständig feucht erhalten werden. Dann der fürchterliche Schmerz, welchen die Moskitos verursachen, deren wüthendem Angriff ein neu angekommener Europäer selten entgeht ! Kommt zu dieser Qual noch die stechende Hitze, welche die Haut wie mit einem glühendem Eisen zerstört, so daß die leiseste Berührung wie ein Zoll tief getriebener Dolch (Nadeln oder Dornen drücken die Empfindung nicht hinlänglich aus) gefühlt wird, so ist der Aufenthalt fast unerträglich.

Der blendende Glanz und das Gewühl von Calcutta, selbst während des Sommers, welcher dort die weniger lebhafte Jahreszeit bildet, ermüden bald; wenigstens war ich herzlich froh, als ich die Stadt verlassen konnte, um ungefähr hundert englische Meilen weiter oben am Ganges einen Freund zu besuchen.

Mr. - `s Bungalow (Landhaus) war ganz der Wohnort, welcher in England cottage ornée heißen würde, d.h. es waren drei Säle nebst einem Billardzimmer, einigen Schlafgemächern und Badstuben da. Es stand mitten auf einem großen freien Raum, der sich am Gestade des Stroms hinzog und mit Gruppen von Palmen, Mangobäumen und Tamarinden, untermengt mit Akazien, Magnolien und Granatbüschen, umgeben war. Die kühle Luft vom Wasser her machte eine Punka unnöthig; und als ich durch die Pfeiler der Veranda einen Blick warf, konnte ich mir zum ersten Mal wieder einbilden, in meiner Heimat zu seyn. Nur bekannte Gegenstände grüßten das Auge: eine Truppe Gänse nahm ihren Weg über den sanften grünen Anger nach dem Strom; ein paar Esel waideten in der Nähe; und weiterhin, in zu großer Entfernung um ihre Verschiedenheit von den europäischen Stammverwandten bemerklich zu machen, ruhte eine Schafheerde im Schatten der Bäume.

Die Luft, frisch und würzhaft und ungeschwängert von den schweren Düften der Tscheruts, wehte liebliche Kühlung meinem Gesicht; die Sonne war am Sinken; angelockt von dem lang entbehrten Genuß eines Spaziergangs, ging ich durch die Veranda nach einer kleinen Laube, welche die Aussicht auf den Ghaut beherrschte, an dessen Ufer da und dort ein Grabmal irgend eines Heiligen, der vom Hindu und Muselmann gleich verehrt wurde, halb versteckt unter Bäumen stand. Nichts konnte bunter seyn, als diese Aussicht. Die breiten Gewässer des Ganges schienen aus leuchtenden Topasen, Rubinen, Amethysten und Smaragden zu bestehen, wenn sie den Scharlach, Purpur und Safran des Himmels, und das lebendige Grün des überhangenden Laubwerks wiederstrahlten. Als aber diese tiefen Streifen am Himmel sich zu einem Anhauch milderten, der zu zart war, um von dem breiten Spiegel unten wieder gegeben zu werden - zu bleichem Nelkenroth, Lila, und dem sanftesten Gelb der Schlüsselblume - entflogen meine Erinnerungen an England, indem eine Anzahl Eingeborner sich dem Ghaut näherte. Ihre feingezeichneten, hohen Gestalten, ihre malerische Tracht, ihre niedlichen Züge und anmuthsvollen Bewegungen machen sie immer zu einem Gegenstand der Bewunderung. Insbesondre aber zog ein Mädchen wegen ihrer außerordentlichen Schönheit meine Aufmerksamkeit auf sich.

Sie hatte die großen, sanften, melancholischen schwarzen Augen, welche in den Liedern des Morgenlandes so hoch gepriesen werden; und während ihre Züge mit der Regelmäßigkeit des Bildhauers geformt schienen, waren sie des süßesten und zartesten Ausdrucks fähig. Ein Lächeln spielte um die vollen Lippen, und ihr Gesicht deutete auf ein Herz, das nur liebevoller Empfindungen fähig war. Sie schien sehr jung, und ihre Kaste, obwohl niedrig, wie der Umstand beurkundete, daß sie öffentlich nach dem Flußbad ging, schloß sie doch nicht von dem Besitz eines ziemlichen Reichthums aus. Jede Zehe war mit massiven silbernen Ringen bedeckt, und Kettchen von dem nämlichen Metall durchkreuzten dieselben auf eine Weise, die einen dieser Zieraten ungewohnten Fuß bewegungslos gemacht hätten. Letztere waren wiederum an dicke silberne Bänder, welche die Knöchel umschlossen, befestigt; ebenso trug sie zahlreiche Armbänder am Handgelenk und über dem Ellbogen. Auch der Nacken war mit verschiedenen goldnen und silbernen Ketten geschmückt, welche bei jedem ihrer Schritte zusammen klingelten. Ihr Sarrih, (ein langes Stück Musselin, das vom Kopf zur Wade herabreicht,) hatte sie nach der höchsten Symmetrie mit unendlich feinem Geschmack gefaltet; in der Hand aber hielt sie ein Körbchen, voll jener weißer gedoppelten Jasminblumen, womit die Hindufrauen ihre Haare zu schmücken pflegen, und welche die Männer als Kränze um den Hals flechten.

Da die Bewohner Bengalens mit allen Kleidungsstücken, welche sie im Trockenen tragen, ins Wasser gehen, so baden Weiber und Männer miteinander an ganz öffentlichen Plätzen. Die Bedeckung wird erst gewechselt, wenn sie sich gereinigt haben. - Mein Blick blieb auf die schöne Inderin geheftet. Sie ließ die langen schwarzen Flechten herab, und wallend strömten sie in dunkler Fülle über das Wasser. In diesem Augenblick sah ich Etwas, wie ein Stück Holz, gegen die Badenden herschwimmen; gleich darauf verschwand das liebliche Mädchen, welche zu äußerst in der Menge gestanden hatte, und ein lauter Schrei ihrer Gefährten, die plötzlich insgesammt ans Ufer stürzten, deutete auf irgend einen Unfall. Ohne zu wissen warum, schrie ich mit; meine Stimme brachte Herren und Diener aus dem Bungalow, und Alles eilte dem Ort der Gefahr zu. Der Landessprache unkundig bedurfte ich einige Zeit, eh ich verstand, welch ein Unglück die arme Hindu betroffen habe; obwohl die heftigen Geberden und lauten Wehklagen der Andern irgend etwas Entsetzliches anzeigten: sie war von einem Alligator ergriffen worden, den ich für einen harmlosen Baumstamm gehalten hatte. Ein junger Mann schien von dem gräßlichen Ereigniß besonders ergriffen. Er sprach lange Zeit auf höchst ausdrucksvolle Weise mit meinem Wirth, indem er seine Worte mit den lebhaftesten Geberden begleitete. Mr. - sagte mir nachher, der Bedauernswürdige sey der Verlobte der Unglücklichen gewesen, und morgen wäre sie die Seinige gworden. Er war ein Sipoy und mit Urlaub von seinem Korps weit her gereitet.

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