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Die Platastaaten und ihre Besiedlung

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland. 
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 9, 3. März 1854, S. 206

Autor: N.N.

Ein Blick auf die Bahnstrecke Valparaiso-Santiago in Chile

Es ist uns kürzlich eine Schrift von dem in Colonisationsangelegenheiten vorzugsweise thätigen Gottfried Kerst zugekommen, welche den Titel führt: „die Platastaaten und die Wichtigkeit der Provinz Otuquis und des Rio Bermejo seit der Annahme des Princips der freien Schifffahrt auf den Zuflüssen des Rio de la Plata.“ Ehe wir die Frage über die jetzige Ausführlichkeit einer Colonisation in jenem fernen Binnenlande besprechen, müssen wir eine allgemeine unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Auswanderung sehr beherzigungswerthe Bemerkung machen. Kerst wie die Gegner seines Plans, welche sich in der „Hamburger Zeitung für deutsche Auswanderungs- und Colonisationsangelegenheiten“ vernehmen lassen, sprechen sich gegen die Fortdauer der fast ausschließlichen Auswanderung nach Nordamerika aus, Kerst mehr aus politischen Gründen, indem er sagt: „Nordamerika hat bereits einen guten Theil der europäischen Kraft in sich aufgenommen, und man fährt in Europa fort, die bereits gefahrdrohende Macht der Union unwillkürlich immer mehr zu steigern, indem man ihr Menschen, Capitalien, Wissenschaft und Künste so eifrig zuführt, als sey es politischer Calcül der monarchischen Staaten Europa`s, diesem demokratischen Staat so eilig als möglich zur Weltherrschaft zu verhelfen.“ Die Hamburger Zeitung geht mehr von nationalökonomischen Gründen aus, und meint die Auswanderung nach Nordamerika habe schon ihren Höhepunkt erreicht, weil die Bodenpreise, wenigstens in den östlichen Staaten, schon eine Höhe erreicht haben, welche nicht mehr weit hinter den europäischen zurückbleiben, während die Auswanderung nach dem fernen Westen die Uebersiedelungskosten nicht unbedeutend erschwere. Beide Ansichten haben manches Wahre, obwohl wir weder an die „Gefahr drohende Macht“ der amerikanischen Union, noch an die nationalökonomische Wirksamkeit dieser Werthverhältnisse so unbedingt glauben. Was die Auswanderung aus Deutschland, so lange sie nicht durch innere europäische Verhältnisse sich mindert, noch geraume Zeit nach Nordamerika lenken wird, sind die geordnetern Verhältnisse, die sich daselbst finden, und einem Mann mit sehr mäßigem Vermögen und Fleiß bald ein genügendes Auskommen verschaffen. Dagegen fällt die Behandlung, welche die einwandernden armen und unwissenderen Deutschen von den Angloamerikanern erfahren, die Herzlosigkeit, mit der sie geprellt und zu den ungesundesten Arbeiten benützt werden, wozu man keine Negersklaven hergibt, sehr stark in die Wage, und wer in dieser Beziehung beiträgt, die Auswanderer aufzuklären und zu warnen, hat sich ein Verdienst um Deutschland und seine Kinder erworben. Dieser Punkt ist so bedeutend, daß wir ihn bezüglich des Raths an Auswanderer nahezu allen andern voranstellen möchten. Wenn man daher andere Auswanderungsländer aufsucht, wo nicht Tausende zu Grunde gehen, ehe sie zu einem eigenen Besitzthum gelangen können, so ist dieß ein sehr berechtigtes Streben, dem man nur den besten Erfolg wünschen kann.
Südamerika bietet hiezu unermeßliche Hülfsmittel, weit umfassender als Nordamerika, dagegen sind aber auch freilich die Zustände weit weniger geordnet und haben bis auf die neueste Zeit herab gar manche höchst unerfreuliche Seiten dargeboten. Um so beachtenswerther ist es, daß noch in den letzten 20 zum Theil höchst unruhigen Jahren die europäische Einwanderung in den Laplatastaaten und Uruguay sich bedeutend gehoben hat, ein sicheres Anzeichen, was diese Auswanderung werden kann, wenn sich die Verhältnisse consolidiren, wozu jetzt alle Aussicht vorhanden ist; einestheils ist eine Ermüdung nach den zum Theil sehr unfruchtbaren Streitigkeiten eingetreten, anderntheils macht der wachsende europäische Handel seinen beschwichtigenden Einfluß geltend: man fängt an im innern Lande zu fühlen, daß man die Seestädte nicht entbehren kann, und daß man in ihrer Bekämpfung eine selbstmörderische That begeht, während die ausschließliche Beherrschung des innern Landes durch die Seestädte, namentlich Buenos-Ayres, sich nicht länger durchführen läßt. Die wichtigste Erscheinung in dieser Beziehung, die wahre Versöhnungsacte zwischen den Seehäfen und dem innern Lande, sind die in den letzten Jahren über die Freiheit der Schifffahrt auf dem Parana und Paraguay mit den Laplatastaaten und mit Paraguay selbst abgeschlossenen Verträge Englands und Frankreichs sowie des nicht minder betheiligten Nordamerika`s. Vorher hatten die Machthaber zu Buenos-Ayres die Schifffahrt der Fremden auf dem Parana gehindert, um Buenos Ayres zum gezwungenen Umschlagsplatz zu machen, und weil man dieß Monopol nicht dulden wollte, empörte man sich gegen Buenos-Ayres, und die am Parana und Paraguay liegenden Staaten verbanden sich wiederholt mit Uruguay, um eine Concurrenz gegen Buenos-Ayres zu schaffen und nicht dem unbeschränkten Monopol anheimgegeben zu seyn; wollte nun Buenos-Ayres die Vortheile seines Monopols nicht verlieren, so mußte es Montevideo, den rivalen Handelsplatz in der Banda Oriental oder Uruguay, direct oder indirect seiner Herrschaft unterwerfen. Nimmt man hiezu noch, daß die südwestlichen Flußhäfen Brasiliens im Binnenlande in demselben Falle, wie die Binnenstaaten der Laplataprovinzen, namentlich Corrientes und Entrerios, waren, daß Brasilien selbst aber aus mehrfachen, weiter unten näher zu berührenden Gründen zu verhindern suchte, daß diese Binnenhäfen geöffnet würden, daß die atlantischen Häfen Brasiliens dieser Eröffnung entgegen sind, während die innern Provinzen darauf dringen, daß sie eröffnet werden, so hat man abgesehen von den persönlichen Reibungen, die in einem solchen Gesellschaftszustand nie ausbleiben, den Schlüssel zu allen den Verwicklungen, die seit einer so langen Reihe von Jahren die Laplatastaaten heimgesucht haben. Man wird daraus erkennen, daß der Ausdruck, der Abschluß der Verträge über die Beschiffung der großen Ströme sey die Versöhnungsacte zwischen den innern Provinzen und den Seestädten, namentlich Buenos-Ayres, keineswegs übertrieben, und daß Kerst sehr berechtigt ist, von diesem Zeitpunkt an eine neue Epoche der Laplatastaaten zu datiren.
Wenn wir oben bemerkten, Brasilien habe sich der Eröffnung der Häfen widersetzt, so ergibt sich dieß aus mancherlei Maaßregeln, namentlich aus seiner Haltung den Verträgen über die freie Flußschifffahrt gegenüber, indem es die vom vorigen Spätjahr datirte unbefugte Protestation (sie ist vom 31 August 1853 datirt, und seltsam genug im Eingang als von „dem Staatssecretär der auswärtigen Angelegenheiten der Provinz Buenos Ayres“ bezeichnet; letztere Stadt nimmt also eine von den übrigen Staaten unabhängige Haltung an) von Buenos Ayres gegen dieselbe aufnahm und veröffentlichte (das betreffende Actenstück steht bereits in der Nro. des Correio Mercantil vom 12 Sept., muß also unmittelbar nach der Ankunft in Rio Janciro veröffentlicht worden seyn). Dieß ist gar nicht denkbar, wenn man nicht annimmt, in Buenos Ayres habe eine so entschiedene Ueberzeugung geherrscht, die brasilianische Regierung werde diese Verträge nicht dulden, daß es bis zu einem öffentlichen in seiner Befugniß als einzelner Staat gar nicht liegenden Schritt sich verleiten ließ. Wenn also in der „Hamburger Zeitung für deutsche Auswanderungs- und Colonisationsangelegenheiten“ behauptet wird, Brasilien sehe diese Eröffnung der Paranaschifffahrt gern, da die Beschiffung des Parana und Uruguay „eine unlängbar große Wichtigkeit für die brasilianischen Südprovinzen Rio Grande do Sul und Parana habe“, so ist zwar letzteres richtig, aber nicht das erstere. Diese Colonisation der Südprovinzen war ihm minder wichtig und lag ihm weniger am Herzen, als die Versorgung seiner Mittelprovinzen mit Arbeitern, seyen es Schwarze oder Weiße. Schon dieser Umstand rechtfertigt das Bestreben Hrn. Kersts, die Auswanderer möglichst von Brasilien abzuhalten, so lange dieß nicht die Beweise liefert, daß es ihm wirklich um freie Einwanderung zu thun ist. Diesen Beweis hat es trotz aller Lobpreisungen noch nicht geliefert, und wenn die deutschen Colonien in Dona Francisca und Blumenau gedeihen, so geschieht es trotz der brasilianischen Regierung. Wir sind indeß begierig den Fortgang zu erfahren, wie es den deutschen Colonisten auf einem Boden ergeht, wo das Zuckerrohr und der Kaffeebaum wächst.
Kerst rechtfertigt seine Abneigung gegen Einwanderungen in Brasilien, eine Abneigung, die man ihm als eine Manie vorwirft, durch die Aussicht auf innere Erschütterungen, die dem brasilianischen Reich bevorstehen. „Es ruht auf demselben“, sagt er (p. 5) „der Fluch der Sklaverei, der alle Hoffnung auf eine gedeihliche Entwicklung abschneidet. Revolutionen, schrecklicher als diejenigen, die irgend ein anderer amerikanischer Staat durchgemacht hat, stehen voraussichtlich in nicht allzu ferner Zukunft diesem Lande bevor, und die herrschende Faction daselbst zeigt sich völlig unfähig dieselbe zu beschwören; Brasilien hat eigentlich keinen Befreiungskampf durchzumachen gehabt. Das alte portugiesische Regierungssystem setzte sich daher bis zu dieser Stunde fast ungeschwächt fort; was von den weltbewegenden Ideen der Neuzeit ihm zuströmte, haftet nur als sehr äußerlicher Anflug, führte aber zu keiner innern Umgestaltung, wie die Revolutionen in den übrigen amerikanischen Staaten. Ist dieß einerseits ein Glück zu nennen, so ist es andrerseits doch ein schweres Unglück, denn die Krisis ist nur verschoben, das Land auf einen Vulcan gestellt, dessen Eruptionen um so furchtbarer seyn werden, je länger die gährenden Kräfte gewaltsam comprimirt werden. Der Mangel an hinlänglicher sittlicher Kraft verhindert die herrschende Classe zu dem Rettungsmittel, welches möglicherweise allein die drohende Gefahr abzuwenden vermöchte, zu greifen, nämlich das menschenleere Gebiet nach dem Vorbilde, das die Vereinigten Staaten gegeben, der freien Einwanderung zu öffnen, die man durch die stärksten Bande an die Landesinteressen fesselt. In dem Bewußtseyn der Schwäche ein so unermeßliches Gebiet gegen irgend einen ernsten Angriff zu vertheidigen, sucht man durch diplomatische Intriguen den Mangel an irgend einer realen Macht zu ersetzen.“ Ueber die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer brasilianischen Revolution läßt sich streiten, gewiß lassen sich aber sehr viele Gründe für die Wahrscheinlichkeit angeben, und es muß schon durch das unvermeidliche Hinsterben der übergroßen Anzahl männlicher Sklaven nothwendig im Laufe weniger Jahre eine ökonomische Revolution vor sich gehen, deren Folgen sich nicht berechnen lassen.
Nimmt man hinzu, daß abgesehen von den politischen Gefahren, mit denen der Zustand Brasiliens droht, auch der bei weitem größte Theil desselben innerhalb der Tropen liegt, so darf man sich nicht wundern, wenn man geradezu von Auswanderung nach Brasilien abräth, und die Blicke nach den Platastaaten wendet, deren „Stromgebiet das einzige der Erde ist, welches gleichmäßig der heißen und gemäßigten Zone angehört, und den Austausch aller der unendlich verschiedenen Producte dieser Zonen mit Anwendung des Dampfes auf seinen Strömen (die Fortschritte des Handels auf und der Ansiedlung an diesen Strömen hängen freilich vorzugsweise vom Dampf ab, und man darf sich nicht wundern, daß, abgesehen von dem engherzigen spanischen und portugiesischen Colonialsystem, die Ansiedlung und der Anbau so schwache Fortschritte machten, denn von Buenos-Ayres braucht man nach Asuncion, der Hauptstadt von Paraguay, mit Segelschiffen 70 Tage, während man denselben Weg mit Dampfschiffen in acht Tagen zurücklegt. Ebenso wird die Belebung des Amazonenstroms, wozu bekanntlich jetzt ein Anfang gemacht ist, hauptsächlich nur die Dampfschifffahrt bewirkt werden) in sehr wenigen Tagen gestattet; es ist das einzige der großen Stromgebiete, das den Lauf seiner Gewässer vom Acquator abgekehrt nach Süden gerichtet hat.“ Die Aussichten für Auswanderung und Handel sind in der That, seit die Eröffnung dieser Ströme den Nachtretern der alten spanischen und portugiesischen Politik abgenöthigt wurde, unermeßlich, und es ist nicht ohne Grund, wenn der Verfasser auf die Vortheile verweist, welche der Umstand darbietet, daß die Ernten dieser Landstriche gerade in die andere Jahreshälfte als die unsrigen fallen; bei dem steigenden Austausch, welcher zwischen Amerika und Europa in Erzeugnissen der Kunst und Industrie gegen Naturproducte stattfindet und immer mehr stattfinden muß, ist dieß für Europa wie für Südamerika von der höchsten Bedeutung.
Hr. Kerst ist somit wohl zu dem Ausspruch berechtigt, daß „dem Platagebiet nichts fehlt, als arbeitslustige Menschen, und daß sich ihm die große Speculation zuwende, die nirgends in der Welt ein reicheres Erntefeld finden kann.“ Die Schilderung der einzelnen Staaten gibt den Beweis dafür, so wie für die Künste, womit Brasilien den Aufschwung der einzelnen Platastaaten, namentlich der ihm zunächst liegenden Banda Oriental aufzuhalten und fortwährend darin Unruhen zu nähren sucht. Die Gegner Hrn. Kersts, welche die Beförderung der Auswanderung nach Brasilien sich zum besondern, fast ausschließlichen Ziel gesetzt, haben sich weislich gehütet, diesen Theil seiner Darstellung zu erwähnen, denn gegen solche actenmäßige Beweise läßt sich wenig anführen. Indeß scheinen alle die Intriguen der brasilianischen Regierung sich in Nichts aufzulösen, weil alle die aufeinander folgenden Regierungen Uruguay`s sich immer wieder bemüht haben das Land emporzubringen. „Wunderbar schnell“, heißt es p. 33, „entwickelte sich nach dem Frieden vom J. 1828, der die Unabhängigkeit von Uruguay anerkannte, der Wohlstand der neuen Republik. Die Hauptstadt Montevideo verdoppelte in einem Jahrzehend die Zahl ihrer Häuser und Einwohner, und der Werth ihrer Einfuhr vervierfachte sich in Folge der beginnenden Einwanderung. Das Cabinet in Rio sah diese Fortschritte mit um so größerer Beunruhigung, als dieselbe von der Provinz Rio Grande nicht unbeachtet bleiben konnten, welche durch die chinesische Absperrung gegen eine größere freie Einwanderung in demselben Zeitraum kaum den Wohlstand wieder erlangen konnte, den sie vor der Schilderhebung in der Banda Oriental besaß. Es erklärt sich hieraus die eigenthümliche Wechselwirkung zwischen der Republik Uruguay und der Provinz Rio Grande, die sich in der Erscheinung kundgibt, daß in der letztern sofort Symptome einer politischen Gährung sich zeigen, wenn in Uruguay Frieden und Ruhe herrscht und umgekehrt die politische Gährung in Rio Grande scheinbar verschwindet, wenn in der Nachbarrepublik größere Unruhen Platz greifen.“ Von welcher Bedeutung für Handel und Einwanderung der Staat Uruguay ist, kann man daraus abnehmen, daß bei 130,000 Einwohnern auf 4000 geogr. Quadratmeilen die Einfuhr etwa 14 Mill. Dollars beträgt, während die Ausfuhr auf mindestens 10 anzuschlagen ist, und zwar lediglich von Häuten, Hörnern, Haaren, Talg und Fleisch der wilden Heerden. „Zu welcher Bedeutung“, sagt Kerst, „würde der Staat aufsteigen, wenn sein Gebiet, auf welchem 15 Millionen Menschen behaglich leben könnten, durch europäische Einwanderung auch vorerst nur von einer halben Million betriebsamer Menschen bevölkert wäre!“ Auf dem Gebiet der argentinischen Conföderation, welches 40 bis 50,000 Quadratmeilen umfaßt, leben bis jetzt etwa 800,000 Menschen, „das Land ist also so gut wie menschenleer.“
Allerdings ist von diesem großen Gebiet ein sehr bedeutender Theil Weideland, auf dem „wahrscheinlich in Jahrhunderten der Pflug nicht in Anwendung kommen wird,“ aber die Halbinsel zwischen Parana und Uruguay, welche über 4000 Quadratmeilen umfaßt, und allein den sechsten Theil aller Bewohner des weiten Gebiets in sich schließt, bietet der Einwanderung um so größere Vortheile, und „das Bedürfniß dem Mangel an Menschen und Industrie durch Heranziehung einer Einwanderung in größerem Maaßstab abzuhelfen, wird seit der Eröffnung der freien Schifffahrt immer mehr empfunden, namentlich hat die Regierung von Corrientes bereits beachtenswerthe Schritte gethan, und es ist kein Zweifel, daß Entrerios sich beeilen wird, den übrigen Provinzen das Beispiel zu geben, auf welche Weise die Conföderation zu dauerndem und gesichertem Wohlstand, Ansehen und Macht gelangen kann.“ Ein Argentiner, Namens Sarmiento, sagt in einer schon vor etlichen Jahren erschienen Schrift, geradezu: „Entrerios wird von dem Tage an, wo es einsichtsvollere Schifffahrtsgesetze hat (d. h. die Freiheit der innern Ströme hergestellt ist) das irdische Paradies, der Mittelpunkt der Macht und des Reichthums und die mit blühenden Städten am dichtesten besäete Gegend seyn.“ Damit ist freilich nicht gesagt, daß es ein Schlaraffenland seyn wird, man wird diese Reichthümer im Schweiße des Angesichts heben müssen, aber die Sache wird bei so manchen vereinten Vortheilen nicht schwerer, wahrscheinlich leichter als in vielen andern Ländern seyn. Der Congreß sämmtlicher Provinzen, mit Ausnahme von Buenos-Ayres, das sich bis jetzt trotzig fern gehalten hat, ist in Santa Fe zusammengetreten, und hat eine Constitution für die argentinischen Staaten entworfen; die Bestimmungen, die er für Beförderung der fremden Einwanderung erlassen hat, sind ein Beweis, daß er die Wichtigkeit derselben fühlt. Das Fernehalten von Buenos-Ayres wird den Fortgang des Werks innerer Einigung schwerlich stören; Kerst läßt sich über die Stellung dieser Stadt, welche eine so wichtige Rolle in der geistigen und materiellen Entwicklung der Laplatastaaten gespielt hat, und sicher auch in Folge noch spielen wird, folgendermaaßen vernehmen: „ob die Provinz Buenos-Ayres als unabhängiger Staat für immer sich von der Conföderation lossagen und damit die auf Zerstückelung der Conföderation gerichtete brasilianische Politik fördern wird, muß die Zeit lehren. Sicherlich werden durch eine solche Lostrennung die Interessen der Stadt Buenos-Ayres nicht gefördert werden, besonders seit die Schifffahrt auf den Strömen für alle Nationen gesichert ist. Denn die Fortdauer der Agitationen in Buenos-Ayres in der Absicht, die innern Provinzen wieder in die politische Abhängigkeit von dieser Stadt zurückzuführen, könnte leicht die Ursache werden, daß die Capitalien die Stadt verlassen, um geschützt durch das Bollwerk, das die Insel Martin Garcia (an der Ausmündung des Uruguay und Parana in den Laplata) bietet, auf irgend einen der gelegenen Punkte der Conföderation in größerer Sicherheit verwendet zu werden. Die Bedeutung der Stadt Buenos-Ayres hängt durchaus nicht von dem Umstande ab, daß sie der Sitz der Bundesregierung sey, ebensowenig als Neuyork an Wichtigkeit dadurch verliert, daß die Regierung der Union in Washington ihren Sitz hat. Im Gegentheil lehrt eine 40jährige Erfahrung, daß es für den Aufschwung von Buenos-Ayres ungleich vortheilhafter gewesen wäre, wenn diese Stadt den politischen Parteikämpfen dadurch mehr entrückt gewesen wäre, daß der Sitz der Bundesregierung auf ein neutrales Gebiet mehr ins Innere verlegt, ja daß Buenos-Ayres selbst nicht einmal der Sitz der Provinz geworden wäre. Wir betrachten daher die neueste Verfügung des Congresses in Santa Fe, wonach das Ministerium der Conföderation künftig in Bajada de Parana sich etabliren soll, als eine weise, zweckentsprechende, und sehen in dieser Maaßnahme eine neue Garantie für die freie Schifffahrt auf den Strömen, als des großen Mittels die bisher schwer vernachlässigte Entwicklung der Wohlfahrt der Provinzen zu fördern. Der moralische Einfluß der Stadt wird immer ein höchst bedeutsamer bleiben, auch wenn sie darauf Verzicht geleistet, Herrscherin zu seyn. Dieser Einfluß wird von dem Tage an ein gewaltiger werden, wo man in Buenos-Ayres den Entschluß faßt, den Verkehr mit und zwischen den Provinzen durch alle zu Gebote stehenden Mittel zu erleichtern.“
Das ist stets das A und das O der Fragen in dem großen Laplatagebiet: bis jetzt hat der mangelhafte Verkehr die entgelegenen Länder brach gelegt, denn der Absatz ihrer schwer ins Gewicht fallenden Producte wurde durch den theuren Transport unmöglich gemacht; sowie dieser Transport verbessert wird, kommen ihre Erzeugnisse zum Absatz ans Meer, und eben so die europäischen Waaren ins Innere; durch die lang und hartnäckig bestrittene Freiheit der innern Flußschifffahrt ist die Grundlage zu dieser günstigen Entwicklung gegeben, und es gilt jetzt nur die Hand ans Werk zu legen. Das scheint man sehr im Sinne zu haben, nachdem die meisten Staaten zur Erkenntniß gekommen sind, daß mit der Sperrung der Flüße nur sehr eigennützige, theils buenos-ayrische theils brasilianische Zwecke verfolgt wurden. Man darf sich nicht wundern, dieß Brasilien immer als Hemmschuh hier nennen zu hören: sobald die innern Staaten mit den Laplatahäfen in engen Verkehr kommen, kann nicht nur Brasilien das Eindringen der Fremden in seine südwestlichen Gränzen nicht mehr aufhalten, sondern diese innern Staaten selbst, welche zum Theil dieselben Producte haben, wie Brasilien, können Kaffee, Zucker, Kakao u. dgl. viel wohlfeiler nach Buenos-Ayres und noch mehr nach Corrientes liefern (was hier von Zucker und Kaffee gesagt ist, gilt in noch viel höherm Grade von Ipecacuanha, Vanille und ähnlichen Erzeugnissen, die jetzt einen ungeheuern Landweg nach Rio Janeiro einschlagen, und doch noch sich verkaufen, während sie, auf dem Paraguay oder Parana versendet, nicht den zehnten Theil kosten würden. Begreiflicherweise ist es mit den europäischen Einfuhren eben so. Nach den von Kerst mitgetheilten Notizen würde ein sehr bedeutender Theil des Handels von Rio in die Brüche gehen, wenn die innern Provinzen durch die Ströme der Laplataprovinzen zugänglich würden. Kerst sucht einen Hauptgrund der brasilianischen Politik in dem ungeheuren Reichthum der Provinz Matto Grosso an edeln Metallen und Diamanten, denn man suche auf jede denkbare Weise diese Provinz in der Isolirung zu erhalten, und er führt auch eine Stelle aus einem brasilianischen Blatte an, die allerdings kaum einen Zweifel läßt), als Brasilien zur See dieß zu thun vermag, denn Brasilien muß außer dem Seetransport auch einen höchst kostspieligen Landtransport bis an die Seehäfen bezahlen. Was aber noch wichtiger als dieß Handelsinteresse für Brasilien ist, das ist die Sklavenfrage: kann Brasilien diese Waaren nicht zu dem gleichen Preise auf den Markt liefern, so wird das in den mittlern Provinzen herrschende System der großen, mit Sklaven bebauten Fazendas noch unhaltbarer, und diese mittlern Provinzen, jetzt der Haupttheil Brasiliens, dessen Fazendeiros die Regierung beherrschen, verlieren damit ihr bisheriges Uebergewicht. Wie es dann im Innern Brasiliens aussehen, welche Wendung der Gang der Dinge nehmen wird, das läßt sich jetzt noch kaum berechnen; die brasilianische Regierung sucht also, indem sie die freie Schifffahrt der Ströme im Laplatagebiet zu hindern bemüht ist, den bisherigen Bestand der Dinge in ihrem eigenen Land aufrecht zu erhalten.
Um diese Interessen möglichst zu verfechten, strebt es die innern Staaten auseinander zu halten und Unfrieden zu säen. Wie weit dieß geht, kann man aus dem Umstande ersehen, daß die Regierung von Paraguay am 10 August vor. J. den brasilianischen Geschäftsträger aus diesem Grunde auswies. In der deßhalb erlassenen Note ist ausdrücklich angeführt, daß er „eine Spaltung zwischen den Schwesterrepubliken herbeizuführen gesucht habe, weil sie ihre guten Beziehungen durch das neue Band eines Schifffahrts- und Gränzvertrags enger geknüpft haben.“ Diese officielle Erklärung über die Machinationen Brasiliens ist äußerst interessant und geeignet, auch Buenos Ayres und Uruguay, in welch letzterem Lande es gleichfalls noch eine brasilianische Partei gibt, die neuerlich den Schutz der brasilianischen Regierung nachgesucht haben soll, vollständig zu belehren.
Was wir bei frühern Gelegenheiten über den östlichen Theil des Staats Bolivia bemerkt, daß er ohne Entwicklung der Schifffahrt auf dem Amazonenstrom und seinen Nebenflüssen, so wie auf dem Paraguay nicht zur Entwicklung kommen könne, sondern hinsiechen müsse, das bestätigen die gesammelten Angaben Kersts zur Genüge. Wir müssen hinsichtlich der wahrhaft wunderbaren Fruchtbarkeit von Otuquis auf das Schriftchen selbst verweisen, und bemerken, daß am Ende vorigen Jahrs in Hamburg eine Gesellschaft zusammengetreten ist, welche einen Landstrich in der Provinz Otuquis, die an den Paraguay stößt, ankaufen will, augenscheinlich in der Absicht, eine Colonie dahin zu führen, und einen umfassenden Frachthandel mit jenen Gegenden zu eröffnen. Mit diesem Unternehmen hat Dr. Kerst, dem man ein Vergehen daraus macht, daß er eine Colonisation innerhalb der Tropen begünstige, nichts zu schaffen, wenigstens finden wir seinen Namen in dem Vertragsinstrument nicht genannt, und seine Schrift sagt nichts von einem Colonisationsplan in Otuquis, sondern von Eröffnung einer Handelsstraße dahin. Letzteres Unternehmen verspricht außerordentlichen, wenn auch nicht sehr schnellen Erfolg, die Colonisation mag zweifelhafter seyn; hier ist nur auffallend, daß man dieß Colonisationsunternehmen angreift, obgleich es in Hamburg selbst angebahnt wurde, und Hrn. Kerst zum Sündenbock macht, alles aus keinem andern Grunde, als weil man die Auswanderung nach Brasilien befördern will, und den Vorschlägen Hrn. Kersts für die Laplatastaaten entgegen ist. Das sind ziemlich krumme und nicht sehr empfehlenswerthe  Wege. Hr. Kerst hat die Vorzüge des Laplata-Gebiets mit großem Talent vertreten, und die Intrigantenpolitik der brasilianischen Regierung ans Licht gezogen, hinc illae lacrymae ! Wir empfehlen Hrn. Kersts Schrift allen denen, welche sich über die Verhältnisse des südamerikanischen Handels und Colonisationswesens unterrichten wollen. Auch seine Arbeiten in der Zeitschrift für Allg. Erdkunde, wo er Paraguay`s innere Verhältnisse nach alten und neuen Quellen behandelt, gehen in derselben Richtung, und es ist in der That ein Verdienst, daß man die Erforschung dieser Länder nicht bloß in gemein militarischem Sinne, der oft nicht einmal über die nächsten Zwecke hinausdenkt, sondern in allgemeiner wissenschaftlicher Weise behandelt.

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