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Die Wasserfälle bei Gersuppa in Ostindien

Ein Reisebericht aus der Zeitschrift "Das Ausland."
Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
München, J.G. Cotta´sche Buchhandlung, Nummer 297, 24. Oktober 1829

Diese Wasserfälle befinden sich eine Weile westlich von dem kleinen Dorf Kodakainy, welches die Grenze des Taluks von Bilgy in dem nördlichen Canara ausmacht, und an die Landschaft Sagara in Meisur anstößt. Sagara wird von zwölf Bächen bespült, welche sich bei Baringi in Meisur vereinigen; fünf derselben kommen von Ramatchendapura, vier von Futty-Petta (Stadt des Siegs, wie sie von Heider Aly genannt wurde), und die übrigen von Kudoli. Das aus ihrer Vereinigung entstehende Gewässer bildet den erwähnten Fall, worauf er seinen Lauf durch ein unebenes Bett nimmt, welches es sich durch das Ghautgebirge gebrochen hat. Bei Gersuppa wird es bedeutend breiter und bildet den Sarawati, einen schönen für kleinere Fahrzeuge schiffbaren Fluß, der 16 Meilen weiter unten, bei Honore, in die See mündet.

Wir brachen von Gersuppa (wörtlich: Katschu-Laub, weil ehemals viele Bäume dieser Art hier standen) auf, um über das Ghautgebirge zu dem Katarakt zu gelangen. Der Boden ist hier weniger zerrissen und ungleich, als an den sonstigen Uebergangspunkten des Berges, aber der Weg bedeutend länger, so daß man sechs volle Stunden braucht, eh man auf den felsigen Gipfel gelangt. Es war ein schöner Morgen; das tiefe Stillschweigen, welches in den benachbarten Wäldern herrschte, warf einen Anflug von Schwermuth in unser Gemüth; bald aber frischte das Geräusch des Wasserfalls, das mit einem Mal uns zu Ohren drang, unsre Hoffnungen wieder auf. Gleichwohl trat ein augenblickliches Mißvergnügen noch einmal an die Stelle der gespannten Erwartung; denn wenn man dem Fels bis auf dreißig Fuß nahe gekommen ist, gewahrt man immer noch Nichts, was Staunen erregen könnte. Aber nur noch ein paar Schritte weiter, und man wird von dem Grausen, welches ein unermeßlicher entgegen gähnender Abgrund einflößt, so übermeistert, daß man einige Sekunden zur Erholung braucht, ehe man Muth genug hat, das majestätische Schreckensbild näher zu betrachten: es ist, als ob man in die Ewigkeit hinausblickte. Die Stellung, in welcher man bleiben muß, um die volle Ansicht zu haben, ist gefährlich, denn man kann nicht anders, als sich der Länge nach über ein hervorspringendes Felsstück strecken und von diesem äußersten Rande des gewaltigen Beckens senkrecht in den Schlund hinabschauen, dessen Tiefe das Auge kaum zu ermessen vermag. Man erblickt eine ungeheure Spalte, welche die Ströme durch ihre Kraft ausgewühlt haben. Dunstsäulen steigen in Folge des Zurückprallens der Wassermasse tief aus dem Abgrund empor und vereinigen sich mit den Wolken, welche über den höchsten Bergen der Nachbarschaft schweben. Wie sich diese Säulen wirbelnd erheben, möchte man sie eher für den Rauch eines brennenden Vulkans nehmen, als für ein Gewebe flüssiger Theilchen. In voller Farbenpracht steht ein Regenbogen über den tanzenden Dunsttropfen vor der Mündung der unergründlichen Höhle. Der Umfang des Kraters, der eine hufeisenförmige Form hat, mag sich auf eine halbe englische Meile belaufen. Seinem Ausschnitt gegenüber zieht sich ein Wald stolz am Abhang des Berges herab und giebt dem Ganzen einen Eindruck seltener Erhabenheit, während einige Felder zur linken Hand auf dem Gipfel dem Anblick etwas eigenthümlich Liebliches beimischen.

Fünf verschiedene Wassergüsse stürzen sich in das Riesenbecken. Der größte, nach ND gelegen, fällt senkrecht von dem oben beschriebenen Rande herab und bildet, bis unten, zwei von einander getrennte, schäumende Säulen. In der nächsten Einsenkung, von diesem an, dem Punkt gerade gegenüber, von welchem aus wir das ganze Schauspiel in der Vogelperspektive sahen, wirft sich eine andere große Wassermasse Anfangs senkrecht herab, wendet sich dann in dem Bett, das sie ausgehöhlt, zur Seite, und wird, im Hinabweg sich breiter und breiter ausdehnend, endlich mit den übrigen von dem dampfenden Abgrund verschlungen. Ein mehr ruhiger Guß, der unmittelbar über der zweiten Cascade herkommt, bildet einen angenehmen Abstich gegen seine geräuschvollen Nachbaren. Deutlicher, und ohne die beschriebnen Mühseligkeiten sieht man den vierten Wasserfall, der von Süden herkommt, den Rand der zackigen abschüssigen Wandung des Beckens überspringt, und durch die Hindernisse, welche ein Paar spitzige Felsen seinem Strom entgegenstellen, sehr breit wird. Hunderte von Tauben, die an Größe wie Schmetterlinge erschienen, spielten über seiner Schaumwolke.

Wir mußten uns auf eine Hervorragung in SW begeben, um die fünfte Cascade in Augenschein zu nehmen, deren wirbelnder Schaum vom Gipfel auf die Spitze einer harten Felsenmasse, mehrere hundert Fuß herabströmt, zwischen den unten umherliegenden Steinblöcken noch mehrmals durchschimmert und endlich dem allgemeinen Sammelplatze zufließt. Zur Rechten erheben sich die Riesenbollwerke der westlichen Ghautgebirge in ihrer ganzen ursprünglichen Hoheit.

Mehrere Versuche wurden gemacht, die Tiefe des Wunderbeckens zu messen. Zuerst ließ man einen starken Bindfaden hinab, an welchen man ein Gewicht befestigt hatte; aber dieser reichte nicht über eine Strecke von etwa 400 Fuß aus. Sodann warf man Kokosnüsse in de Abgrund, und bemerkte den Zeitraum, während dessen sie sichtbar blieben, auf einer Uhr, was jedes Mal acht Sekunden betrug. Die Centripetalkraft eines fallenden Körpers zu 15 1/2 pariser Fuß auf die Sekunde angenommen, und diese Zahl nach dem Quadrat der Entfernung berechnet, ergeben 965 1/2 französische Fuß, oder 1030 Fuß englischen Maßes.

Die Fälle des Niagara, Montmorenci, Missuri und Tuccoa sind durch die Breite des Wasserspiegels, der herabstürzt, ausgezeichnet, aber ihre Höhe ist, mit Ausnahme des erstern, verhältnismäßig unbedeutend; die berühmten Fälle des Sokal in Bedschapur, und des Kurtallum in Madura, haben nicht über 200 Fuß Höhe. Diese Vergleichung mag zum Beweis dienen, daß die Cascaden bei Gersuppa wirklich zu den Wundern der Welt gehören.

Asiatic Journal. July 1829.

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