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Eine Fahrt auf dem Paraguay

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland.
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 8, 24. Februar 1854, S. 187

Autor: Nach dem Französischen von Dr. Ed. Z-hn.


Am 27 November 1852 verließen wir die Rhede von Buenos-Ayres, und bald verschwand die ungeheure Wasserfläche der Mündung des la Plata hinter uns. An der Stelle, wo der Parana und Uruguay sich vereinigen und den Rio de la Plata bilden, liegt die kleine Insel Martin Garcia, welche ihrer militärischen Position wegen wichtig ist; denn das alte Fahrwasser, das zu den Mündungen dieser Flüsse führt, zwingt die Schiffe unter den Kanonen des Forts hinzusegeln. Der Anblick der ungeheuren Wassermassen, welche sich nach tausend Krümmungen fern am Horizont unter dem Dickicht der Riesenbäume verlieren, ist wahrhaft großartig. Wir fuhren in diejenige Mündung des Parana ein, welche Bora del Guaza heißt, da sie für Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt die sicherste und tiefste ist. Nach einer sehr beschwerlichen Fahrt von 20 Tagen, welche von schlechtem Wetter begleitet war, erreichten wir die Stadt Corrientes am Zusammenfluß des Parana und des Paraguay.
Am 10 Januar 1858 setzten wir unsere Reise fort und fuhren in eine der beiden Straßen (tres bocas) ein, welche die Mündung des unbekannten Flusses bilden. Das schwache paraguayische Geschwader, welches die Einfahrt der mittleren Straße vertheidigt, begrüßte die dreifarbige (französische) Flagge, ohne von dem Capitän die Liste der Passagiere und Waffen zu verlangen, welche dieser an Bord hatte. Unser Lootse war ein Indianer, welcher uns mehr aus Instinct als mit Sachkenntniß glücklich durch die Untiefen brachte. Wir legten in jeder Stunde mehr als 10 Meilen zurück. Bei jeder Krümmung des Flusses wechselte das Gemälde, welches vor unsern Augen vorüberzog. Der Paraguay, welcher weniger Fall hat als der Parana, strömt majestätisch zwischen zwei hohen Ufern dahin, deren Berge mit Bäumen umkränzt sind, von denen die Lianen, nachdem sie tausend anmuthige Arabesken zwischen den Zweigen gebildet haben, auf die krystallhelle Wasserfläche herniederhängen, in welcher sich ihre kleinen blauen und weißen Blüthen spiegeln. So weit der Blick reicht, sieht man in den grünen Baumhallen bis in die weiteste Ferne hinein nichts als Blumen und Blätter. Nach langer gespannter Erwartung fahren wir endlich in die majestätischen Laubgewölbe ein, wo uns alles freudig entgegenzulächeln scheint; es ist die Stunde, wo die Sänger des Waldes, sich wiegend auf den höchsten Wipfeln der Bäume, ihre fröhlichen Lieder anstimmen. Bei unserer Annäherung verstummen sie, kommen aber doch so nahe, daß wir die Farben ihres prächtigen Gefieders bewundern können. Die Blüthen, welche unsere Maste und Segelstangen droben abstreifen, fallen, noch feucht vom Thau und vom Duft der Nacht, zu unsern Füßen nieder.
Noch ganz hingerissen von dem Anblick dieser lieblichen Natur, wird man plötzlich wie mit einem Zauberschlage in eine ganz andere Gegend versetzt; bei der nächsten Krümmung verschwindet alles und man sieht nichts als eine unendliche Savanne, deren Horizont einzig der Himmel bildet: es ist die Wüste, eine Wüste mit verwelkten und verbrannten Pflanzen, auf welche die Sonne unablässig ihre senkrechten glühenden Strahlen herabschießt. Nirgends ein Wald, nirgend ein schattiges Grün; weit und breit keine Bewegung, nur das Schilf neigt sich dann und wann im Hauch des Windes; weit und breit kein Laut, nur dann und wann erhebt ein einsam wandelnder Storch, welcher als Schildwache ausgestellt ist, einen schwachen Schrei, um seine Brüder von der Ankunft eines unbekannten Gastes zu benachrichtigen. Stundenlang bieten diese Einöden stets denselben Anblick dar, deren Monotonie hie und da durch einzelne kleine Hütten unterbrochen wird, in denen Soldaten Wache halten; weiterhin erscheinen wieder fruchtbare Hügel und bebaute Ebenen, welche durch Menschen und Thiere belebt sind und deren europäisches Aussehen dem Schiffer die Heimath und das väterliche Dach ins Gedächtniß zurückruft.
Die erste Stadt, welche wir zu Gesicht bekamen, war Pilar, welche auf dem rechten Ufer unmittelbar am Flusse liegt; dieß Dorf, welches der Nationalstolz mit dem Namen „Stadt“ beehrt, hat nichts Bemerkenswerthes, außer dem daß hier die Schranke war, welche der Dictator Francia zwischen sich und der Welt errichtet hatte, und daß hier die Schiffe ankerten, welche Producte fremder Länder den Händen einer Creatur jenes Tyrannen übergaben. Nach Pilar erschienen Oliva, Villeta und Villa-Franca, deren Hütten einander sämmtlich ähnlich sehen und deren Bewohner bei unserm Anblick von einer abergläubischen Furcht ergriffen wurden. Diese Dörfer liegen alle auf dem linken Ufer des Paraguay; das rechte Ufer ist wüst und wild, und wird nur von den herumirrenden Stämmen der Indianer bewohnt; die Posten oder Blockhäuser, auf deren Höhe Soldaten Wache halten, um die Landbewohner von den Ueberfällen der Indianer zu benachrichtigen, dienen zugleich dazu, die Dörfer miteinander zu verbinden.
Nachdem wir etwa 200 Lieues zurückgelegt hatten, trat endlich die geheimnisvolle Stadt Assumpcion hinter einem vorspringenden Uferfelsen hervor, und einige Minuten später ankerten wir einen Büchsenschuß weit von dem Palast des Gouverneurs.
Obgleich Assumpcion einen außerordentlich großen Umfang hat, so gleicht es doch mehr einem Dorf als einer Stadt. Auf einem Hügel erbaut, dessen sanfter Abhang sich bis zum Ufer des Paraguay hinabzieht, macht Assumpcion keinen imposanten Eindruck auf den Beschauer; man erblickt nur einzelne Kirchen, deren plumpe Thürme über die Bäume und die Ziegelsteinsteindächer der Häuser hervorragen. Die Straßen sind breit und sandig und durchschneiden sich in einem rechten Winkel, wie es in allen Städten Südamerika`s der Fall ist. Am Rande derselben stehen bescheidene Hütten, die halb begraben sind unter Jasminsträuchen und Orangenbäumen; hie und da ist die Façade eines Hauses auch mit einem Weingeländer geziert, auf dem sich die Zweige einer Zaunrebe verschlingen und einen schattigen Zufluchtsort gegen die glühende Hitze des Tages bilden. Nur auf dem Gouvernements-Platz hat die Stadt Denkmäler aufzuweisen, wo die Kirche el Cabildo und der Palast des Gouverneurs ihre Arkaden und getünchten Mauern dem Blicke darbieten; Maler und Beobachter werden für die Beschwerden der langen Flußfahrt nur auf dem Lande belohnt.
Die Bevölkerung Paraguay`s – obgleich dieselbe sehr schwer zu schätzen ist – mag sich auf 600,000 Seelen belaufen, von denen etwa 20,000 Assumpcion bewohnen. Das ganze Volk bildet drei Classen, welche man wegen der Verschiedenheit hinsichtlich des Stammes, der Sitten und der Erziehung sehr leicht von einander unterscheiden kann. Die erste Classe, welche von den Spaniern abstammt und sich rein von aller Mischung erhalten hat, zeigt nur das Gepräge eines verkommenen Urbildes. Die Söhne dieser alten Eroberer, welche sich hinter einem Stolz verschanzen, den weder die Erziehung noch die Ueberbleibsel eines verschwundenen Reichthums entschuldigen, sehen mit heimlichem Neide und ziemlich deutlichem Haß, wie der Fremde sein Talent und seine Industrie in ihrem Lande zur Geltung bringt. Sie verleben ihre Tage einsam in ihren alten Häusern in der Stadt, unterhalten sich von Localangelegenheiten und rauchen, in weichen Hängematten ruhend, die duftenden Blätter des einheimischen Tabaks. Ihr einziger Ehrgeiz besteht darin, durch tausend kleine Kunstgriffe großen Reichthum, oder durch die Annahme lächerlicher und verjährter Moden guten Geschmack zu erheucheln. In Paraguay wie in allen südamerikanischen Ländern ist das weibliche Geschlecht allein im Besitz des Privilegiums des guten Geschmacks und der feinen Sitten.
Die zweite Classe (medio pelo), von Spaniern und Guarani-Indianerinnen abstammend, bildet die typische Bevölkerung des Landes. Sie findet sich in großer Zahl in den so schwach bevölkerten Staaten Amerika`s und unterscheidet sich wesentlich von den Gauchos und den Brasilianern. Die Männer sind im allgemeinen stark und wohl gebaut, und ihre Physiognomie zeigt einen Ausdruck von Sanftmuth, Einsicht und Ergebung. Die meisten beschäftigen sich mit Ackerbau und Viehzucht, und besitzen daher die guten Eigenschaften der Landleute; überdieß sind sie mäßig und gastfrei. Ihre Familie, ihr heimatliches Thal und der Thurm ihrer bescheidenen Capelle machen ihre Welt aus. Ihrer Tracht fehlt es nicht an Anmuth; sie besteht in einem langen Beinkleide, dessen seidene Fransen auf die Stiefel von farbigem Leder herabfallen, in einem Puncho (Ueberwurf), wie ihn der Gaucho in den La Plata-Staaten trägt, nur daß der des letztern nicht so zierlich ist, und in einem Strohhut, unter dem rabenschwarze Locken hervorquellen und welcher Augen beschattet, deren ruhiger Blick unter dem feurigen Himmel der Tropen eine auffallende Erscheinung ist. Ihre Weiber sind zwar von kleinem Wuchs, aber bewundernswerth schön gebaut. Sie tragen eine leichte weiße Tunica mit schwarzer Einfassung, welche ihre Reize kaum verbirgt; in ihren schwarzen Haaren, welche am Hinterkopf zusammengebunden sind und vorn einen breiten Scheitel bilden, glänzt stets eine Waldblume; ihr Teint, welcher dem leuchtenden Schein ähnelt, den glühende Bronze ausströmt, harmonirt herrlich mit dem Glanz ihrer Augen. Sie haben neben der feurigen Leidenschaftlichkeit des indianischen Blutes auch die liebenswürdige Nonchalance des spanischen Charakters. Dieser eigenthümliche Gegensatz, ein hervorragender Zug des Charakters der Mestizen, macht die Guarani-Mädchen zu reizenden Geschöpfen.
Die letzte Classe besteht aus den Mobas- und Payaquas-Indianern, welche am Flußufer in Hütten wohnen, die aus Bambus und Schilf gebaut sind. Diese Unglücklichen haben ihre Wälder vor einigen Jahren verlassen und ihrem wilden Leben entsagt, nicht um der Wohlthaten der Civilisation theilhaftig zu werden, sondern um deren Gifte und Laster zu ernten: der schändlichsten Trunksucht ergeben, werden diese schwachen Stämme, welche das „Feuerwasser“ täglich decimirt, bald ganz verschwinden. Sie leben ganz abgesondert und vereinigen sich nie mit den Fremden oder mit den Söhnen des Landes. Sie beschäftigen sich mit Fischfang und mit Jagd oder sammeln Gras für das Vieh der Stadtbewohner; das was sie sich durch ihre Arbeit erworben haben, vertrinken sie sofort wieder in den Pulperias oder Wirthshäusern.

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