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Einiges über Auswanderung nach Brasilien

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland.
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 3, 20. Januar 1854, S. 109

Autor: N.N.

Im brasilianischen Urwald

Wir haben seit Anfang dieses Jahres bereits mehrere Zusendungen über die Angelegenheit der Auswanderung nach Brasilien erhalten, von denen wir vorerst höflichkeitshalber Meldung thun müssen, ohne für jetzt näher auf die Sache einzugehen. In der That, wir wissen eigentlich nicht recht, wie wir zu der Ehre dieser Zusendungen kommen, da wir im vorigen Jahre uns wiederholt ganz entschieden gegen jede Auswanderung nach Brasilien, außer allenfalls nach San Leopoldo, wo man sich der Gewaltthätigkeiten und des Uebelwollens der brasilianischen Regierung und Behörden erwehren kann, ausgesprochen haben, hauptsächlich aus dem Grunde, weil die brasilianische Regierung, oder richtiger gesagt die großen Fazendeiros, die sie beherrschen, nur auf Sklavenarbeit ausgehen. Das ist unsere aus den bisherigen Nachrichten geschöpfte Ansicht, und wenn wir sie jetzt nicht umständlicher begründen, so liegt die Ursache darin, daß uns noch einige versprochene Mittheilungen fehlen, um den sehr innigen Zusammenhang zwischen der innern Sklavenpolitik und der äußern gegen die argentinischen Provinzen beobachteten nachzuweisen; einiges, namentlich eine Publication des Intendanten von Porto Alegre, konnten wir schon im vorigen Jahre mittheilen, nähern Mittheilungen sehen wir aber noch entgegen. Ist es zu beweisen, daß Brasiliens äußere Politik, trotz den neuerlichen officiellen Aeußerungen, auf Erhaltung der Sklaverei und selbst des Sklavenhandels berechnet ist, dann bedarf es keines Beweises mehr, daß die Absichten im Innern auf dasselbe hinausgehen, und daß eine Auswanderung in solche Länder keineswegs rathsam ist. Es kann unter diesen Umständen nur ein ungläubiges Lächeln erwecken, wenn eine in Colonisation „machende“ kleine Schweizer Zeitung „der Colonist“ (s. Nr. 3 vom 20 Jan. d. J.) uns glauben machen will, der Kaiser von Brasilien habe die Angebote mehrerer englischen Häuser, den Fazendeiros chinesische Landarbeiter bis zu 20,000 jährlich zu liefern, aus dem humanistischen Grunde zurückgewiesen, weil es ihm „um den Aufschwung und die Kräftigung der freien Arbeit“ zu thun sey. Ohne dem „erleuchteten brasilianischen Herrscher“, resp. der brasilianischen Regierung, im mindesten zu nahe treten zu wollen, glauben wir von der ganzen Geschichte kein Wort: denn gewiß sind solche Anerbietungen nicht gestellt worden, da es den Engländern in Guiana, Trinidad und Jamaica noch selbst an solchen Arbeitern fehlt, und auch die Spanier angefangen haben, solche in Cuba einzuführen. Die brasilianische Regierung wird sonach wohl schwerlich in dem Fall gewesen seyn, ihre „erleuchteten humanistischen Ansichten“ in solcher Weise zur Schau zu tragen.
Zu dieser Ansicht sind wir um so mehr berechtigt, wenn wir eine Zusendung betrachten, die uns von Robert Melly et Cie. in Genf geworden ist. Dieß Haus hat sich an die Spitze einer neuen schweizerischen und deutschen Colonisationsgesellschaft gestellt, welche eine Colonie an der Halbinsel Superaguhy, an der Einfahrt der Bay von Paranagua (etwa unter 25° 30` S. B.) begründen will. Dem Wunsch, eine Art Aufforderung zur Auswanderung nach Brasilien in unser Blatt einzurücken, können wir begreiflicherweise nicht entsprechen, da es einestheils mit dem Zweck unseres Blattes, anderntheils mit unserer eigenen Ueberzeugung gar nicht übereinstimmt. Dagegen wollen wir auch die „Grundlagen eines Vertrags mit dem Colonisten, der eine Schuld contrahirt, um sich auf Superaguhy niederzulassen“, keiner nähern Kritik unterwerfen, so manche Blößen uns dieselbe auch zu bieten scheint. Indeß müssen wir doch einer Stelle aus dem Begleitschreiben erwähnen, wo offen zugestanden wird, daß die Grundlagen des Vereins noch nicht von der brasilianischen Regierung angenommen sind, und daß sie erst „auf andere Wege gebracht werden soll.“ Das sieht keineswegs sehr ermunternd aus, und was von „preußischen und portugiesischen Cabalen“ gesagt ist, die sich der Auswanderung nach Brasilien widersetzen, noch viel weniger, wenigstens hat die preußische Regierung unseres Wissens nichts gethan, als vor unbesonnener Auswanderung gewarnt, und einigen brasilianischen Werbern oder richtiger Seelenverkäufern das Handwerk gelegt.
Endlich sind uns auch lithographirte Mittheilungen über die Colonie Dona Francisca zugekommen, die indeß bereits großentheils in der „Hamburger Zeitung für deutsche Auswanderungs- und Colonisationsangelegenheiten“ (Nr. 4.) abgedruckt sind. Sie lauten leider etwas gar zu rosig, als daß wir ihnen unbedingten Glauben beimessen könnten. Was wir namentlich vermissen, sind bestimmte Angaben über die Zahl der Colonisten und über Sterbfälle. Die eifrigen Vorsprecher dieser Colonie, deren Gedeihen wir indeß keineswegs geradezu bestreiten wollen, obgleich das Klima unter 26° 50` für nordische Constitutionen mannichfach ungünstig seyn möchte, würden in ihrem eigenen Interesse besser thun, auch die Schattenseiten nicht zu verschweigen. Aus andern Nachrichten wissen wir, daß die Sterblichkeit in der ersten Hälfte des vorigen Jahrs nicht ganz gering war. Daß die Colonie eher Aussicht hat fortzukommen, als die Arbeiter auf den Plantagen mit den Parceria-Verträgen so eifrig das Wort redet, ist eben kein sonderlich günstiges Zeichen für ihre besondern Schützlinge, die Colonien auf den Gütern des Prinzen von Joinville. Indeß können wir ein günstigeres Zeichen für diese Colonie aus einem besondern Umstand ableiten. Es zeigt sich bereits, wie aus einigen an uns gelangten Briefen hervorgeht, eine Eifersucht zwischen den verschiedenen Colonisationsgesellschaften, die nur günstig auf die Behandlung der Auswanderer einwirken kann.
Was wir gegen Ansiedlungen in Brasilien im allgemeinen einzuwenden haben, läßt sich auf einige Sätze zusammendrängen. Die Parceria-Verträge sind in einem Lande, wo an Recht und Gerechtigkeit gegen mächtige Grundbesitzer nicht zu denken ist, an und für sich verderblich, ganz abgesehen von dem Umstand, daß diese Ansiedlungen in einem für nordische Constitutionen zu warmen Gebiet gemacht werden sollen, und daß bei solchen Parceria-Verträgen der arme Arbeiter unter zehn Fällen nicht einmal zum unabhängigen Grundbesitzer wird. Der zweite Punkt ist das Verhalten der brasilianischen Regierung, das man bis jetzt vergebens herauszustreichen sich bemüht hat; solange diese die von ihr selbst mit den brasilianischen Kammern berathenen und verfaßten Gesetze, die wirklich zum Vortheil einer vernünftigen Einwanderung sind, nicht ausführt, darf man sein Vertrauen nicht auf sie setzen. In einem der an uns gelangten Briefe heißt es, „binnen zehn Jahren werde das deutsche Element zuverlässig triumphiren, und der Fazendeiro in seiner Faul- und Unwissenheit ruinirt dastehen.“ Wir wollen aus diesem Satze keine andere Folgerung ziehen, als daß die Einwanderungsgesellschaften den mächtigsten Gegner, den sie im Lande haben, noch nicht überwunden, und selbst die Regierung noch nicht auf ihrer Seite haben, denn in demselben Briefe heißt es: „wir Deutsche wollen die Regierung auf andere Wege bringen.“ Man hat also entschieden noch mit dem Uebelwollen der brasilischen Regierung zu kämpfen, und da diese seit mehr als drei Jahren das bereits bestätigte Colonisationsgesetz nicht ausgeführt hat, und fortwährend Ausflüchte sucht, um es nicht anwenden zu dürfen, so darf man sie mit Fug und Recht der Zweizüngigkeit und des Uebelwollens beschuldigen, wo nicht gar einer absichtlichen Verlockung zur Auswanderung. Das sind noch keine sehr rosigen Aussichten. Daß es in Brasilien selbst an hochgestellten Personen nicht fehlt, welche die Auswanderung auf besseren Grundlagen, als bisher, fördern wollen, ist wahr, noch aber sind sie nicht durchgedrungen. So wie in Brasilien die Sachen jetzt noch stehen, ist es eher zu rathen nach den Platastaaten auszuwandern. Von Hrn. Kerst ist in dieser Beziehung kürzlich eine Schrift erschienen, der wir demnächst eine besondere Besprechung widmen wollen. Sollte freilich eine Auswanderung nach Brasilien – versteht sich außerhalb der Tropen – in größerem Maaßstab gelingen, so dürfte es für den deutschen Handel und für die Auswanderer selbst, welche in regerem Verkehr mit dem alten Vaterlande bleiben, förderlicher seyn als Ansiedlungen tiefer innen im Lande, auch bei der freiesten Flußschifffahrt. Doch dürfte darüber, wenn man an die offenbare Feindseligkeit der brasilischen Regierung und der brasilischen Behörden gegen Sao Leopoldo denkt, noch mancher Rübenherbst vergehen, und die Auswanderer noch manche schwere Zeit durchzumachen haben.  

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