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Fortsetzung: Auszüge aus einem Tagebuche von Rio Bravo del Norte von Arthur Schott

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland.
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 16, 21. April 1854, S. 377

Autor: Arthur Schott

Der Verfasser war damals Assistant Surveyor of the N. G. Mexican Boundary Commission, und befand sich mit einer Partei von 15 Arbeitern in der Nähe des sogenannten Eagle-Passes.

Mexikanische Küche, Orizaba, Mexiko

Ein heißer Tag voll Mühe und Arbeit war bereits bis gegen Abend vorgerückt, und noch immer war kein Zeichen, keine Spur von unserem Train zu sehen, welcher von einigen der Leute einige Stunden zuvor in weiter Ferne hinschleichend, bemerkt worden war. Ermattung – wir hatten seit diesem Morgen 4 ½ Meilen vermessen – zwang und Compaß und Meßkette, Markflaggen, Aexte u. dgl., zum wenigsten auf eine Weile Rast ins dürre Gras sinken zu lassen und uns, jeder für sich, ein sicheres Plätzchen zum Niederlassen auszusuchen. Ein solches Auswählen hat in den Einöden am Rio Bravo auch seine Schwierigkeiten, das ist in einem Lande, wo kaum ein Kraut, Strauch oder Baum wächst, der nicht auf irgend eine Weise bewaffnet, jeden unvorsichtig berührenden mahnt auf seiner Hut zu seyn. Je länger wir zu rasten versuchten, desto unruhiger machte und das unerklärliche Ausbleiben des Trains, so daß sich einer um den andern still fortmachte, um zu spähen. In so rauher, öder und wasserloser Landschaft, wie diese darin wir uns eben befanden, war nicht zu zweifeln, daß der Train zu der Flußmarsche kommen müsse, auf deren einfassenden nackten Felskämmen wir ihn so eben erwarten zu können glaubten. Vergebens ließen wir die Zeit verstreichen, blickten hinunter, wo auf dem licht von Mesquiteholz bestandenen Flußsandstrande wilde Truthühner ungestört umherspazierten. Sollte der Train kommen, so mußte er diese Marsche aufsuchen und finden, da es eine von den wenigen dieser Gegenden ist, wo über die dürren Klüfte und Kiesfelder Lastthiere hinabgeleitet werden können. Zwei bis drei von uns halten sich rechts nach höheren Punkten zugewendet um fernere Sicht zu gewinnen, während ich mit dem Rest eine letzte Compaßrichtung nehmend geradezu in die Marsche hinunterstieg, um dort den Train zu erwarten. Die ungestörte Einsamkeit dieses Platzes bezeichnete eine Rudel Hirsche, die eben von hier zur Tränke gezogen waren und uns hatten so nahe kommen lassen, daß mehrere aber fehlschlagende Versuche gemacht wurden, einen und den andern mit der Pistole zu erlegen; der Fluß bildet hier eine „Angostura“ von außergewöhnlicher Enge, darin die ungestümen Wasser auf der mexikanischen Seite nackte senkrechte Wände secundären Kalksteins und dießseits die Kies- und Sandbänke unserer Marsche bestürmen. Am obern und untern Ende dieser Kammer, wie ich alle derlei Marschen des Rio Bravo bezeichnen möchte, befanden sich die fast unzugänglichen Felsenthore einmündender Trockenbäche. Die Sonne ging zu scheiden und noch war keine Spur, kein Zeichen unseres Trains wahrzunehmen, so daß unsere Unruhe und Besorgniß mehr und mehr stieg. Mitten in einem Indianerlande, wo wir zwar bis jetzt nur drei von dessen Angehörigen gesehen, aber Spuren und Fährten genug gefunden hatten, darf man sich in gewissen Fällen nicht lange nutzloser, unpraktischer Angst hingeben, und so entschlossen wir uns denn ganz kurz, so müde und erschöpft wir auch waren, die Marsche wieder zu verlassen und die Höhen zu nehmen, wo unserer viele Augen eher Aussicht hatten etwas auszufinden. Einzeln oder zu zweien vertheilt durchkreuzten wir die nur mit niederen Dorn- und Stachelgewächsen bestandenen Felshalden, ohne daß wir viel wahrnehmen konnten, da die Sonne bereits zu niedrig stand und über die ganze Landschaft jenen herrlichen goldpurpurnen Zauber gelegt hatte, für welchen wir gewiß zu jeder anderen Zeit mehr empfänglich gewesen wären als eben jetzt, da nicht allein Hunger und Ermattung, sondern ernstere Besorgnisse unser Sinnen und Denken in Anspruch genommen.
Endlich nahte sich von einer Seite her ein Reiter, dessen Identität wir aber eben wegen des zu vollen Lichtstrahlenreichthums abendlicher Beleuchtung lange nicht ausmachen konnten. Noch war er auf eine Meile entfernt, da er aber näher und näher kam, unterschieden wir, daß er ein falbes Pferd und kein Maulthier ritt. Es war unser Genosse John, einer der Arbeiter, welcher sich vor etwa 1 ½ Stunden aufs Kundschaften verlegend von uns entfernt hatte und so glücklich war, in der Richtung die er genommen, die Spuren des Trains und endlich diesen selbst im Lager aufzufinden; dort hatte er das falbe Pferd bestiegen um uns Zurückgebliebenen Nachricht zu geben und uns zu führen. Es war eine Gruppe etwa 100-120 Fuß hoher Hügel, wenn ich nicht irre dem oberen Dolith oder der untern Kreide angehörig, zwischen denen der Trainführer den Marsch für heute beendigt hatte, um Lager zu schlagen. Die Hügel selbst, ein Aufsatz auf dem unterliegenden Tafellande, waren fast gänzlich aller Vegetation leer und umschlossen eine nicht sehr weite Thalsohle, die mit Strauchwerk von Mesquiteholz (Algarobia) und einigen alten Sträuchern aus der Classe Mimoseae bestanden war. Einige Wassergallen oder in Schründen von grauem und gelbem Thon gesammelte Regenwasserüberbleibsel hatten King, den Zugführer, bestimmt hier Halt zu machen. Noth hatte dießmal über Vernunft Recht behalten, und so geschah denn, daß wir uns alle in dieses Lager fügen mußten, obwohl jeder von uns die in jeder Hinsicht unzulängliche Wahl, wenn man es so nennen will, mit Fingern greifen konnte und griff. Ringsum in nächster Nähe von nackten Hügeln umgeben, also vollkommen dem Späherauge der Rothhäute sowie einem für uns nur nachtheilbringenden Angriff ausgesetzt; kein Baum, um Pferde und Maulthiere daran festzumachen, um einem überraschenden Davontreiben indianischerseits oder einem freiwilligen Sichverlaufen animalischerseits vorzubeugen, zwei Meilen vom Fluß, also entfernt von unserer eigentlichen Arbeit war genug, und wir brauchten nicht das stehende Wasser zum Trinken und die darum schwebenden Moskitoschwärme in Anschlag zu nehmen, um mit diesem Lagerplatze durchaus unzufrieden zu seyn; der erste Gruß den uns Spätlingen die im Lager Befindlichen bei unserer Ankunft zuriefen, war: „A bad, a worst place and plenty Indians!“ „Amen“, sagte ich, „wenn alles so wahr ist als dieß, so hat der Teufel wenig Spiel mehr in der Welt.“ „Indianer genug, Indianer genug“, wiederholten die Leute nochmals, und als ich darauf fragte, wie es dann komme daß sie einen so unsichern Platz aussuchen konnten, so hielten sie entgegen, daß sie heute einen zu langen Marsch zu machen genöthigt waren, um den zahllosen wilden Schluchten auszuweichen, und da es schon gegen Abend gegangen, sie daran verzweifelt seyen, einen Paß zum Flußufer hinab zu finden. So vollkommen sie auch von der Unsicherheit des Platzes und von der Gewißheit überzeugt waren, daß hier kein Schritt gemacht werden konnte, der nicht von auflauernden Rothhäuten beobachtet würde, waren ihnen zudem den ganzen Tag berittene Indianer von Ferne beobachtend gefolgt, und so konnten sie für heute doch nicht besser helfen, als sich ins Himmelsnamen hier bei Wasser niederzulassen, und auf Waffen und Wachsamkeit zu vertrauen. Wir hatten kaum hierauf bezügliche Worte zu wechseln angefangen, so zeigten sich schon auf einer Seite die verdächtigen Prairievögel in Gestalt von vier berittenen Indianern wieder, welche ich, der erste, über den Horizont einer langen flachverzogenen Hügellehne herauftauchen sah. Mein „da sind sie“ brachte das Lager sogleich in die in solchen Fällen gewöhnliche „Indianeraufregung“. Ich hatte noch meine Cautschuctasche, Pflanzenbündel und Rock nicht abgelegt und stand fertig, während die andern alle nach den Waffen griffen oder diese in den Stand zu setzen sich beeilten, wozu sie schon vorher die verdächtige Lage des Lagers bestimmt hatte; die Viere ritten im „Indianfile“, d. i. Gänsemarsch längs dem Hügelkamme hin, wo sie unser Lager Punkt für Punkt bequem übersehen konnten. Sie hielten sich natürlicherweise vorsichtig außer Schußweite, sich langsam in einer weiten Bogenlinie nähernd. Außerdem hielten sie sich aber nicht nahe bei einander, dieß wäre so gut gegen die Taktik civilisirter Kriegskunst als auch gegen den Tact dieses wilden Reitervolkes gewesen, welches die Wissenschaft und Praktik leichten Cavalleriedienstes bis ins Unglaubliche ausgebildet hat.
Zwei der Reiter hatten sich am Fuß der Hügellehne so ziemlich außer Schußweite unserem Lager gegenüber aufgestellt, während sich die beiden andern etwas zurückbleibend sichtlich Zeit nahmen den ersteren nachzukommen, ohne Zweifel, um je nachdem ihre Stellung zu nehmen. Wir winkten ihnen näher zu kommen, doch in freier Wildniß geht entgegenstehenden Parteien gegenüber Vertrauen nicht gleich Hand in Hand mit Friedensversicherungen; die beiden ersteren saßen also ab und stellten sich hinter ihren Pferden auf, welche sie unserer Seite zu der ganzen Länge nach mit Teppichen verhängten, so daß außer den Köpfen fast nichts vom Thier zu sehen war. Hinter dieser beweglichen Verschanzung stellten sie sich nun zur Unterhandlung auf und riefen uns etwas zu, was wir der Entfernug wegen nicht verstehen konnten; der Trainführer King machte sich in Gesellschaft eines andern hinaus, um mit ihnen zu reden. Währenddem hatten sich die beiden zurückgebliebenen Indianer nach einer andern Seite hingezogen und klommen oft zurückblickend einen Hügel hinauf, auf dessen Rücken sie sich ebenfalls zur Beobachtung aufstellten. Da K. und seine Begleiter nur die Büchsen nicht aber ihre Pistolen abgelegt hatten, so wollte die Unterhandlung keinen Anfang nehmen und das Gespräch drehte sich eine Zeitlang nur ums Waffenablegen. Endlich sahen wir beide Parteien sich nähern und zusammensprechen; letzteres geschah in Spanisch und handelte sich um unser Woher? Wohin? Wer? Was? Wie viel Mann? Was Zweck u. s. w.? Die Beantwortung all dieser Fragen geschah natürlich nur in allgemeinen Ausdrücken und so, daß sie unsere Stärke und Ansehen ins vortheilhafte Licht setzte, dazu waren wenigstens King und Jose Morales in derlei Händeln erfahren und klug genug. So ließen wir dieses Gespräch ruhig seinen Fortgang nehmen, während die im Lager Zurückgebliebenen alle Zurüstung trafen, um sich für alle Fälle zu rüsten. Ich meinerseits stellte mich an einer rückwärts befindlichen Hügellehne auf, von wo aus ich die ganze Scene voll im Gesicht hatte. Theils lenkte da naturhistorisches Interesse mein Auge auf den von Sturm und Wetter bar gewaschenen Grund, der voll von veerzten fossilen Schnecken lag, unter denen ich mir die besten Exemplare auslas und mir eine ganze Tasche voll füllte, während ich gleichzeitig die beiden auf dem Hügelrücken befindlichen Indianer nicht aus den Augen ließ. Was die auch trieben, war von besonderem Interesse für mich, und da es die eigentliche Art und Weise dieser Rothhäute bezeichnet, so will ich es hier wieder geben. Während der eine mehr ruhig bleibend für nichts weiter Zeit zu haben schien als zu beobachten, blieb der andere keine Minute still. Er stieg ab und begann an Zeug und Zaum seines Pferdes sich geschäftig zu machen, ohne indessen sichtlich etwas daran zu ändern, dann saß er wieder auf, wendete und stellte sich wieder auf, indem er das Pferd nach der entgegengesetzten Seite blicken ließ. Er saß wieder ab, schnürte und heftete an seiner Kleidung, von welcher er einzelne Stücke abnahm und sie auf dem Sattel zurechtlegte. Nachdem er sich dann wieder an der Zäumung seines Pferdes beschäftigt hatte, beschritt er solches wieder, wobei ihm rechts oder links keinen Unterschied machte. Wieder zu verschiedenenmalen wendend und drehend fing er endlich an zu singen, was er aber sang, konnte ich natürlich nicht verstehen. Diese Darstellungen, welche gewiß keine vom Augenblick eingegebenen Lebensäußerungen waren, mochten indessen eine halbe Stunde gedauert haben, als sich die Scene plötzlich ums Drei- und Vierfache belebte. Unversehens in einem Nu stand nämlich auf einer andern Seite eine Reihe von 27 wohl berittenen und gut bewaffneten Indianern, die alle auf einen Schlag über den Horizont heraufgeschwenkt hatten; dieß war in der That ein bewundernswürdiges Manöver, welches genug für die Kunst dieser Heidensöhne spricht. Es bleibt da kaum ein Zweifel, daß alle Bewegungen und Gebärden die der Sänger auf dem Hügel gemacht, nichts mehr und nichts weniger waren, als einerseits eine Zeichendarstellung von dem, was er unter sich in unserem Lager gesehen und andererseits ein Anweisen, wie die hinter den Bergen Haltenden sich zu richten hatten, um schnell und ungesehen in nächster Nähe vor unserem Lager zu stehen. Wären diese Indianer indessen weniger vorsichtig oder vielleicht auch weniger feig gewesen, so war es um unsern Stand gethan. Es läßt sich auch denken, daß sie wirklich keine feindlichen Absichten hatten, was aber, nach dem was wir und andere bis jetzt erfahren, fast unvernünftig zu glauben gewesen wäre.
Viele von ihnen riefen uns fortwährend Friedens- und Freundschaftsbezeugungen zu: „Somos Lepanos buenos y muy amigos con vosotros! Lepanos y Ameriganos muchos amigos!“ und ähnliche Phrasen waren es mit denen sie uns zufrieden zu stellen gedachten. Im Munde eines wilden Stammes, der in fortwährender Fehde mit dem weißen Manne lebend seine Existenz auf nichts anderes als auf Raub und Mord begründet, sind sie von keinem weiteren Werth. Bei Tag oder bei erstemmal Sehen, ehe er nämlich die Stärke oder Schwäche des Feindes gehörig ergründet hat, um seine Maaßregeln darnach bemessen zu können, zeigt sich der Indianer leicht freundlich, ja er ist im Stande gegen einen in Sicht kommenden Vortrab augenblicklich die rothe Fahne und Kampfgeheul zu erheben, was beides er im selben Augenblicke wieder aufgibt und die weiße Friedensflagge erhebt, sobald sich hinter dem bedrohten Feinde mehr Nachkommende zeigen. Gegen uns standen die Indianer heute den ganzen Tag und eben noch jetzt im entschiedensten Vortheil; daß sie ihn nicht benützten, ist mir nur durch ihre außerordentliche Vorsicht, wozu sie ihre Lebensweise unter allen Verhältnissen zwingt, erklärlich. Die Viere welche heute unserem Train während des Marsches den ganzen Tag gefolgt waren, konnten ohne viel zu wagen den ganzen Train scheu machen und in die Wildniß jagen, wo sie dann leicht gehabt hätten, die Esel und Pferde wieder für sich zusammen zu fangen. Auch jetzt da sie ¾ Theil unseres Lagers umzingelt hielten, konnten sie mit leichter Mühe und ohne viel Gefahr dasselbe thun, sie brauchten nur den „Warwhoop“ zu erheben. Sie thaten es nicht, und mich dünkt, es war ihnen nachher leid darum. Es muß sie freilich mehreres an uns irr gemacht haben, so daß sie nicht wußten was aus uns machen. Ein paar Tage vorher sahen sie unsere Partie, wovon sie Thiere und Menschen genau gezählt hatten, gerade durch ihr Land dem Flußthal entlang marschiren, und drei der ihrigen, im Lager überrascht, waren davongelaufen, ohne sich Muth zu fassen auf unsere Einladung hin mit uns Unterredung zu halten. Heute hatten sie nur vier Mann in Begleitung des Trains gesehen; wo waren die übrigen? mußten sie denken. Noch war es nicht lange, daß dieselben Indianer dem Postcourrier Mr. Wallace auf der El Pasostraße einen Hinterhalt gelegt, ihm zwei oder drei Thiere erschossen und somit gezwungen hatten seinen Rückzug über den San Pedrofluß zu nehmen. Mr. Wallace hatte fast gleichzeitig mit uns den Rio San Pedro wieder mit Verstärkung verlassen, und befand sich bereits wieder auf der Reise nach El Paso, indessen wir 8-12 Meilen seitwärts dieser Straße dem Rio Bravo zu das Land durchstrichen. Es wäre also kein Wunder, wenn diese Indianer uns im Verdacht gehabt, daß wir eine Partie Soldaten und hinter ihnen her seyen. Was könnte sonst Angehörige der weißen Race vermögen solche unwirthbare Wildnisse zu durchstreichen? Um sich hierüber möglichst genau zu belehren, bevor sie irgend etwas gegen uns unternahmen, war, so zweifle ich nicht, die Hauptursache daß sie den Train während des Marsches heute nicht angriffen; daß sie es aber diesen Abend nicht thaten, nachdem der Train zu lagern gegangen war, hatte wieder seinen natürlichen Grund in der so plötzlich und überraschend vermehrten Zahl seiner Bedeckung. Während nämlich die vier Kunde von einem daherkommenden Train in ihr Lager brachten, hatte sich unsere Arbeits- und Ingenieurpartie wie natürlich zu Fuß und ungesehen ins Lager geschlichen zur muthmaßlichen großen Verwunderung der Rothhäute.
Wie immer, der Besuchenden waren es zu viele und ich rief darum King und Jose sogleich zurück, ließ die Thiere möglichst fest binden, da sie bereits zu scharren und stampfen anfingen. Es herrscht unter den Maulthieren eine Art wilden Instincts, der sie so leicht vor allem Ungewohnten scheu und wild macht. So scheuen die der Weißen vor annähernden Indianern, und umgekehrt Pferde und Maulthiere letzterer die Nähe von Weißen. Den Indianern ließ ich indessen durch verschiedene und meine eigenen Zurufe zu wissen thun, daß ich keinen von ihnen und unter keiner Bedingung im Lager zu sehen wünsche, weßhalb ich nach verschiedenen Seiten Leute hinaustreten ließ, um sie nicht näher kommen zu lassen, obwohl ihnen das Ausspähen zu wehren es zu spät wäre. Sogleich steckten mehrere von ihnen weiße Lappen an Ladstöcke oder Pfeile, und versuchten unter deren Wehen näher zu kommen; besonders ritt ein Häuptling, wie er mir schien, heran, von zwei mehr untergeordneten Kriegern gefolgt. Er war gelb bemalt und trug fast durchaus hirschlederne Kleidung; da er sich unter keiner Bedingung abhalten ließ näher zu kommen und einige 50 Schritte seine Büchse ins Gras gelegt hatte, so begegnete ich ihm selbst mit einem meiner Leute, der besser Spanisch sprach als ich. Er ritt bei und wir gaben uns zum Gruß die Hände, während er seinen ganzen Vorrath von gebrochenem Englisch vor uns auswarf und uns begrüßte, als wären wir gestern Abend spät bei einem Glas Wein zusammengesessen. „Halloh! How d`ye do? How you come on, my friends? Noi somos friends con vos atros! Muchos amigos con los ameriganos!“ Alsdann wies er auf seine Friedensflagge und fuhr fort: „Los Comanches no intiende este, mas nos otros intiende. Lepanos y Ameriganos amigos, friends good friends, muy buenitos.“ In diesem Styl fuhr er eine Zeitlang fort, während seine beiden Genossen, die auf unsere Weisung sich etwas zurückgehalten hatten, jetzt zögernd näher kamen. Auch sie boten die Hände. Ich erkannte sie bald als Squaws, von denen die eine außerordentlich häßlich, die andere aber außer einem großen etwas aufgetriebenen Munde keinen unangenehmen Ausdruck hatte. Besonderes Interesse erregten in mir ihre schönen großen und runden nicht indianischen Augen, welche bei der andern klein, geschlitzt und stehend waren. Während jene durch die ihrigen offen aufblickte, daß sich der Abendschein drein spiegelte, gebrauchte diese die ihren auf ächt indianische Weise zum Spähen; der scharfe Ausdruck ihres spitzigen scharfen Gesichts hatte etwas außerordentlich Widerliches, und ich gedachte dabei sogleich an Hrn. Reineckes würdige Gattin, die Mutter jener beiden edlen Gracchen Reinhart und Roffel. Außer Messer im Gürtel trugen diese beiden Rothhaut-Amazonen nur hölzerne Lanzen, deren Spitzen im Feuer gehärtet schienen. Auf des Wilden an uns gerichtete Fragen gaben wir indessen passende Antworten, d. h. wir zahlten seine Falschheit mit derselben Münze, wobei wir darauf bedacht waren, ihn nicht lange hinzuhalten, da wir sehr gut wußten daß seine ganze Absicht nichts war als zu spähen und – was bei diesen Prairievögeln immer obligat ist – zu betteln. Ich erklärte ihm, daß es heute für alle weitere Besprechungen zu spät sey, die Sonne sey hinunter. Wenn er und andere besonders aber sein Häuptling uns Morgen im Lager besuchen wollten, so würden wir uns ein Vergnügen daraus machen sie zu empfangen. Hierauf ging er ein und verabschiedete sich, jedoch nicht ohne zähes Zögern. Er hätte noch manche Frage, die er beinahe vergessen hätte, und die zu stellen für ihn wichtiger war, als für uns sie zu beantworten. Endlich wendete er sein Pferd, dann aber saß er ab und hockte sich bei einer heißen Wasserhöhle nieder, um sich eines Trunkes zu erfreuen, den er auch in der That auf höchst ursprüngliche Weise zu sich nahm, daß er sich, so viel er mit Sicherheit vermochte, weit übers Wasser bog, und mit der hohlen Rechten das Wasser in die weit geöffnete Maulhöhle schleuderte. Unterdessen sammelten sich alle Indianer hoch und nieder an der Hügellehne, wo am Anfang der Scene jener verdächtige Minstrel sein Spiel getrieben hatte. Unter gegenseitigen theuren Friedens- und Freundschaftsbezeigungen standen sich endlich beide Parteien gegenüber. Während die Rothhäute nicht genug bekommen konnten zu fragen, zu versichern und zu betteln, um möglichst und recht viel Tabak, Zwieback u. dgl. herauszuschlagen, konnten wir den Augenblick nicht abwarten, da sie uns aus den Augen seyn würden; da kam einer nach, um die genaue Zeit zu erfragen um welche wir uns morgen wiedersehen sollten, ein anderer ritt noch einmal bei, um Feuer auf seine Pfeife zu verlangen, ein dritter ließ seinen Maulesel nochmals davon laufen, um ihn gegen uns treibend fangen zu können und sich auf diese Weise bemerkbar zu machen; wieder ein anderer kramte nochmals alle englischen Phrasen aus, die er sich auf der Heldenlaufbahn seines Lebens zu eigen gemacht, und wieder andere stimmten scherzend aber ernst meinend darin überein, daß wir sie morgen mit Kaffee bewirthen sollten. Endlich waren sie fort, worüber wir uns sehr freuten, obwohl wir sehr gut wußten, daß sie uns keinen Augenblick aus den Augen lassen würden. Die Aufregung meiner Leute war indessen mit diesen verdächtigen Freunden nicht verschwunden, sie hatte sich mehr und mehr gesteigert. Die sonst Lauten wurden schweigsamer, während die Stillen ihren innern Regungen laut Raum gaben. Nur zwei behielten ihre Ruhe oder zeigten wenigstens Gleichmuth; die übrigen beschäftigten sich alle heftig mit Umladen und Waschen ihrer Feuerwaffen, und warfen unter sich die Frage auf, ob es rathsam seye, die Nacht hier zu bleiben. Ich nahm geflissentlich lange keinen Antheil daran und ließ mich nicht stören beim endlichen Essen, zudem ich seit frühem Frühstück erst jetzt kommen konnte. King, Jose und ich waren die einzigen, die fürs Bleiben waren, unsere Motive waren freilich dabei verschieden; King war ein alter Indianerkämpfer, der in früheren Zeiten schon zwei Gefechte mitgemacht, in denen eben diese damals so übermüthigen und räuberischen Lepanos tüchtig gedemüthigt und so geschlagen wurden, daß der sonst mächtige Stamm sich seither nicht mehr erholte. Es ist darum kein Wunder, wenn er, ein geborner Hirtenwäldler und trefflicher Schütze, sich nichts sehnlicher wünschte als mit diesen Wüstensöhnen wieder einmal einen Strauß zu haben. Jose und ich andererseits wünschten dieß keineswegs, da in solchen Fällen für uns nichts zu gewinnen, sondern nur zu verlieren stand. Wollten die Indianer uns nicht stören und unsern Geschäftsweg am Rio Bravo hinauf sicher ziehen lassen, was sollten wir dagegen haben, wenn sie sich auf ähnliche freie Weise durchs Leben zu schlagen suchten; andererseits hätte es übrigens Klugheit aufs strengste geboten keinen Zoll zurückzuweichen, wenn wir anders die Mittel dazu an der Hand gehabt hätten. Die Indianer, in diesen Einöden zu Hause, kennen jeden Weg und Steg, waren alle trefflich bewaffnet und beritten, wie ich in der That die schönsten edelsten Pferde, die ich bis jetzt auf diesem Continente gesattelt sah, heute unter diesen Räubern wahrgenommen hatte. Es war als hätten sich diese Centauren unter Tausenden das Beste von spanischer Zucht in Mexico auserlesen. Wir waren dabei nur zu Fuß, hatten bloß sieben Büchsen und ebenso viele Pistolen, welch` letztere, nachdem sich die Indianer einen Platz ausgesucht hätten, von keiner Wirkung gewesen wären. Gelang es ihnen auch nur einmal unsere Wachsamkeit zu hintergehen und dieß ist eine ihrer Hauptkünste, uns ein paar Lastthiere zu stehlen oder davon zu treiben, so saßen wir fest und mehr oder weniger hülflos in den endlosen Wüsten, aus denen wir wohl vielleicht uns selbst zu retten vermochten, Geschäft, Bestimmung unserer Unternehmung und vielleicht mehr noch wären aber darauf gegangen und die Folgen gewesen, denen zuvorzukommen wir jedem vernünftigen Wort Gehör zu geben nicht versäumen durften. Ich wußte ferner recht gut, daß ich el capitan y el commandante meiner Mexikaner und leader and chief dieser Ingenieurpartie war, dabei aber befanden wir uns an den äußersten fast gesetzlosen Gränzen einer menschenleeren Republik, deren letzter Angehöriger sich besonders in Fällen, wo es um die Haut geht, selbstständig genug fühlt, um sich nicht weiter treiben zu lassen, als seine Dienstpflicht geht. Konnte ich also auch auf 5-6 der Leute bauen, daß sie sich in einem etwaigen Gefechte ruhig stellen würden, so hatten weder ich und ebenso wenig das Gouvernement, für welches wir dienstpflichtig waren, ein Recht von einem oder dem andern zu verlangen, sich wie ein gemietheter Soldat feindlichen Waffen, einer Verkrüppelung oder vielleicht mehr auszusetzen, die ihm weder eine Pension, Belohnung oder sonst eine Anerkennung von Seite des Vaterlandes gebracht hätte; dieß waren die Beweggründe, warum ich endlich einwilligte den Platz für diese Nacht zu verlassen und eine mehr gesicherte Stellung aufzusuchen.
Demnach gab ich den Leuten die Ordre sämmtliches Gepäck in aller Stille so herzurichten, daß es leicht zur Hand schnell nach einbrechender Nacht und vor Mondaufgang geladen werden könne. So geschah es und als ich eben mein hastig Mahl beendigt, stellte ich zwei Posten aus, selbst einen dritten nehmend, um einem möglichen obwohl noch nicht wahrscheinlichen Angriff vorzubeugen. So stille und behend auch das Packgeschäft vor sich ging, so konnten wir doch nicht glauben vor den nachtlebenden Wüstenräubern unbemerkt davon zu kommen. Um dieß gab ich auch eben nicht viel, sah ich unsere Truppe nur immer wach und zur Hand und die Maulthiere wohl gepackt, so kümmerte ich mich um Indianer nicht viel. Während der volle Mond gegen uns über den Horizont stieg, bewegte sich still und geschlossen unser Nachttrain in der Richtung dem Flußthale zu. Es war eine Arbeit, eine mühliche dazu, allein sogar die Thiere schienen zu wissen, um was es sich handle, und schlichen so still und vorsichtig die felsigen fährlichen Pfade ihren Führern nach, daß wir bald an der gesuchten besseren Lagerstätte anlangten. Wir langten ohne weitere Vorfälle sicher drunten an, wo wir dicht an Wassers Rand Sack und Pack ablegten, und die Thiere zum Grafen an langen Leinen ausbanden. Trotz der Ermattung fiel es noch keinem von uns ein, Kleider und Waffen abzulegen, sondern jeder streckte oder setzte sich so auf seinen Teppich, daß er sich auf den ersten Ruf fertig stellen konnte. Nach etwa einer halben Stunde schlich sich einer der Maulthierwärter herein, um noch einen andern einzuladen mit ihm einen Hinterhalt zu legen, da er oben an der Hügellehne zwischen Busch und Kluft einen Mann umherschleichen sahe. Ob was er gesehen, wirklich ein Mann war, erfuhren wir weiter nicht; es war aber nicht unwahrscheinlich, daß ein und der andere der Indianer uns als Späher nachgeschlichen waren, um möglichen Falles vielleicht auch eines unserer Thiere abzuführen.
Die Nacht war ruhig verstrichen und wir ließen unter genügender Bedeckung die Thiere zur nahen Weide. Nach dem gestrigen mußten wir heute einen Rasttag haben, wir alle bedurften der Erholung; an Weiterarbeiten war unter den bestehenden Verhältnissen so nicht zu denken. Wir mußten entweder hier ausharren, bis die von unserem Chef am San Pedro versprochene Escorte eintreffen würde oder zurückgehen. Ich benützte den Morgen mich ein wenig in der Pflanzenwelt umzusehen, ohne aber viel mehr zu finden, als was ich seither im Flußthal herauf sah und an den betreffenden Orten erwähnte. Eine Gilea sah ich hier zum erstenmale, ein außerordentlich zierliches Pflänzchen mit sehr delicater blasser, weißblauer Blüthe; sie schien am liebsten auf nacktem losem Quicksande zu stehen. Eine andere Species aus der Ordnung „Capparidaceae“ war weiter hier zu finden. Ich hatte dieselbe bis jetzt nur einmal ungefähr in derselben Höhe des Flußthales, d. i. zwischen der untersten und zweiten Furt des San Pedro im secundären Kalkstein getroffen.
Der Morgen war schon ziemlich vorgerückt und ich fing bereits an zu zweifeln, ob sich die Indianer wirklich würden blicken lassen; hatte aber nicht Zeit diesen Gedanken weiter Raum zu geben, da zeigte sich einer auf der gegenüberliegenden Höhe, einer, dann noch einer, ein dritter, vierter und fünfter, die alle auf verschiedenen Punkten aus Fels und Busch tauchten, und langsam zuweilen still haltend unserem Lager zuritten; zwei kamen näher und wünschten eine Unterredung, da es aber keine Häuptlinge waren, so verweigerte ich dieselbe; der eine zog indessen ein Papier aus den Kleidern und hielt es mir entgegen, bedeutend, daß ich es lesen möge. Ich wollte anfangs nichts davon wissen, sondern sagte ihm nur, daß er gehen und seinen Häuptling senden solle; damit wendete er sich um, ließ das Papier vor sich ins Gras fallen und entfernte sich davon. King nahm es auf und wir lasen, daß es ein Zeugniß war, welches der Chef unserer Commission dem Lepanhäuptling Chikito Coyotl ausgestellt ausgestellt hatte, nach welchem er diesen für friedlich gesinnt hielt, indem er auch sagte, daß dieser Indianerführer ihn mit einem Theil seiner Krieger im vorigen Jahre auf seiner El Pasoreise 14 Tage lang begleitet habe. Während ich so las, nahte sich ein unscheinbar gekleideter Krieger ziemlich frank und verlangte eine Unterredung. Er hatte von allen, die ich bis jetzt vom ganzen Haufen gesehen, noch das ehrlichste Gesicht. Er ritt frank und ohne weitere Umstände auf mich zu, stellte sich mir als College, d. h. Capitan unter den Seinigen vor und verlangte eine Unterredung. Er hatte seine Büchse abgelegt und stieg jetzt ab, indem er die Leine seines Pferdes an einem Mesquitebaum befestigt und mir dann ohne weitere Umstände nur von drei ausgezeichneteren Kriegern begleitet, ebenfalls waffenlos ins Lager folgte, wohin ich ihn eingeladen hatte. Wir hatten bei unserem dießmaligen Zuge weder Tische noch Stühle, und so brachten wir unsere wilden Gäste nicht in Verlegenheit sich darauf setzen zu müssen. Wir alle saßen auf bloßem Sand und das Gespräch nahm unter vielerlei Friedens- und Freundschaftsversicherungen seinen Anfang. Es wurde Brod und Fleisch nebst etwas Tabak beigebracht und unter die Gäste so vertheilt, daß auch für die draußen Harrenden etwas übrig blieb. Wir brauchten auch nicht besorgt zu seyn, daß einer oder der andere vergessen werden würde, die Gäste deuteten mit Worten und Fingern hinaus, daß man dem und dem auch noch geben solle. Betteln war hier und ist immer mit diesen Vögeln der Hauptzweck einer Unterredung mit Weißen, die ihnen stark und vorsichtig genug scheinen, sich nicht von ihnen bestehlen oder berauben zu lassen; die Gäste hatten nun Tabak zu rauchen und wurden, nachdem sie die übrigen Brocken, die sie nicht verschlingen konnten, sorgfältig zu sich gesteckt, sehr redselig.  Chikito Coyotl (kleiner Prairiewolf) war in der Rede gemäßigter ohne in gleichen Maaße verschlossen zu seyn, wie es seiner Begleiter einer war, der bei einer sehr witzig aussehenden Stumpfnase ein Paar sehr große runde klugblickende Augen von lichter Farbe besaß. Jedes Wort von diesem war gemessen und berechnet, indem er mit den Augen sogleich die Antwort musternd zu empfangen verlangte; der Häuptling, der einfachste in der Kleidung, war es auch in Red und Antwort, er bewegte sich darin freier und flößte dadurch mehr Vertrauen ein. Er hatte ein Ueberhemd von einem sehr verbleichten einmal rothquadrillirten Baumwollenzeug, die einzige Hülle seines ziemlich stämmigen durch ein mit Röthel  auf die Brust gezeichnetes Kreuz, vermuthlich eigenhändig, geschmückten Oberleibes, trug seine Haare lang jedoch ohne Zopf. Wir erklärten ihm den Zweck unserer Wanderung und ich versäumte nicht, ihm zu wissen zu thun, daß wir in langsamen Tagesmärschen weiter ziehen wollten, damit uns eine Militär-Escorte einholen könne. Er fand dieß alles in der Ordnung und vertraute uns dagegen an, daß er sein Lager mit vielen Weibern und Kindern ziemlich nahe hier hinter den Bergen habe, dabei suchte er uns aber genau auszuforschen, wann und wie wir unsern Marsch fortzusetzen gedachten. Ein strictes Morgen war hierauf die Antwort, obwohl ich darüber noch nicht gewiß war. Bald nahm das Gespräch wieder eine Wendung aufs Betteln, und meine gutmüthigen Leute gaben von Tabak so viel sie noch sparen konnten, was freilich für die bodenlose Bettelhaftigkeit und Dürftigkeit der Indianer nicht viel war; diese armen verirrten Teufel stellen sich alle Weißen als unerschöpflich vermögend vor, und so stolz sie sonst auf ihre wilde Freiheit und Indianerthum sind, so finden sie doch nichts einfacher als das Recht, alles zu verlangen und jene zum Geben zu zwingen. Der Häuptling wünschte von mir Tabak zu erhalten, den ich ihm auch versprach, da ich aber nicht augenblicklich aufsprang, um solchen für ihn zu holen, blieb er ungefähr fünf Minuten lang still und nahm keinen weiteren Antheil am Gespräch, endlich aber stand er auf, schritt nach seinem Pferd und ritt fort, ohne irgend einem von uns ein „Adios“ zu sagen. Die Leute winkten mir zu, daß ich den Häuptling erzürnt habe; da dieß indessen wider meinen Willen geschehen, so machte ich mir nicht viel daraus; durch sein Weggehen war nun eine Stelle offen, und da ich drei bis vieren erlaubt hatte ins Lager zur Unterredung zu kommen, so kam sogleich ein anderer älterer Mann, Bruder des Häuptlings, und nahm seine Stelle. Coyotls Bruder war im Ganzen ebenso einfach und unscheinbar und ärmer als jeder andere im Haufen gekleidet. Sein kahles Haupt hatte er nach Art der Walachen, wenn sie in Trauer sind, in ein verbleichtes längst entfärbtes Tuch gebunden, sein Rock oder Blouse vertretendes Hemd war entfärbt, das Prachtstück seiner Kleidung bestand in ein Paar scharlachrothen engen Merinoleggins. Bei allen aber, beim einen wie beim andern, waren die Moccasins von außerordentlich zierlicher und dauerhafter Arbeit; der Alte war sehr gesprächig, wußte mehr englisch als alle die übrigen zusammen, und sprach spanisch fließend. Er war schon mehr mit Weißen zusammen und keineswegs mehr ein heuriger Hase. Im Verlaufe des Gespräches verlangte auch er, wie sein Bruder zuvor gethan, ein schriftliches Zeugniß von mir, daß er und die Seinen sich freundlich gegen uns gezeigt, und ich wiederholte ihm dieselbe Antwort, daß ich dieß bei meiner Rückkehr gerne thun wolle, sobald ich ihr Wohlverhalten geprüft haben werde. Auch er stellte sich darüber wie sein Bruder durchaus und vernünftigerweise zufrieden; das Gespräch kam dann auf dieß und jenes, namentlich auf locale Verhältnisse, indem er uns zu bereden suchte, daß sie mit den Comanches in Feindschaft leben, wovon sein Bruder kurz vorher und zum sichtlichen Mitvergnügen seiner Begleitung das Gegentheil versichert hatte. Wir leben mit den Comanches nicht gut, fuhr der rothhäutige alte Fuchs fort, und Ihr müßt Euch sehr vor ihnen in Acht nehmen. Sie streifen unterhalb unserem Strich und ebenso oberhalb. Bindet eure Pferde und Maulthiere bei Nacht immer gut an, denn sie sind die kecksten und geschicktesten Räuber. Haltet immer gut Wache und lasset eure Waffen nie in Unordnung gerathen. Während dieser Ermahnungen ließ er sich Brod und Salz und vorgesetztes kaltes Fleisch recht gut schmecken, und schmauchte nachher seine Cigaritos mit wahrhaft mexikanischer Fertigkeit. Seine ausgekramten guten Lehren waren im allgemeinen ganz richtig, allein was er mit den Comanches meinte, hieß zu Deutsch: Nehmt Euch in Acht vor Räubern und Dieben, wenn es uns gelingt, Euch etwas zu nehmen, so denkt ja nicht die freundlichen Lepanos haben es gethan: er machte damit für vorkommende Fälle die Comanches zu Sündenböcken. Ueber die Entfernung von hier bis zur Puercosmündung machte der Alte sehr richtige Angaben. Auf meine Frage darüber faltete er seine runzlige pergamenthautige Stirne, stierte vor sich hin und machte mit lässig gekrümmter Hand die Bewegung eines galoppirenden Pferdes nach, indem er sinnend meine Frage bei sich wiederholte: „Le Puercos? Le Puercos?“
Sei leguas (Sechs Leguas) war der endliche Ausspruch, jedoch mit dem Zusatz, in gerader Linie und daß der Fluß ungewöhnlich viele und schnelle Krümmungen mache. Er bestätigte auch, daß sie ihr Lager voll mit Weibern und Kindern hinter den Bergen ziemlich nahe hier hätten. Als wir ihm sagten, daß wir sie morgen dort besuchen wollten, gab er keine weitere Antwort, was wohl genug zu sagen schien, da diese Indianer es nie gerne haben, Fremde oder Weiße sich in ihre Karten sehen zu lassen. Da sind nämlich stets arme gefangene Sklaven von verschiedenen Stämmen, gestohlene und geraubte Pferde und Maulthiere oder sonst unrechtes Eigenthum, was sie immer alles gerne auf der Seite halten. Unter anderem verwunderte sich der Alte auch laut, daß wir ihn nicht auch mit Kaffee bewirtheten, den er sehr zu lieben schien. Wir waren dieß in der That nicht im Stande, da kein gerösteter vorräthig war, sonst hätten wir uns ein Vergnügen daraus gemacht, den armen Hungerleidern diesen Wunsch zu erfüllen. Während unsere Unterredung so verging, betrachtete ich mir die Physiognomien, Kleidung und Aufputz dieser sogenannten Naturkinder genauer; ich sage sogenannt, da sie es in Wirklichkeit kaum sind. Der Stamm, dem diese Lepanos angehören, ist ein verkommender, und, sowie der der Comanches, ein unter vielen und vielerlei Lastern und Unsitten hinsiechender. Hang zu ihrer wilden Unabhängigkeit und die Sucht ein mächtiges Stück Land  für sich und ihr elendes Leben ausschließlich zu behaupten, brachte sie bald nach der Unabhängigkeits-Erklärung der Republik des einzigen Sterns (Texas) mit den Weißen in feindliche Berührung, deren nachhaltige Ueberlegenheit im Frieden wie im Kampf sie schnell, aber wohl zu spät, kennen lernen mußten. Der ganze große und mächtige Stamm irrt jetzt in drei Haufen in südwest-nordöstlicher Richtung bis über den Nueces weit bis zum San Saba hinauf, und alle zusammen können kaum mehr 100 Streiter zu Felde schicken. Jagd und Räuberei ist jetzt ihre einzige Lebensbeschäftigung, an welch` beschwerlichem aufreibendem Treiben ihre Weiber getreulich Theil nehmen müssen. Letztere müssen außerdem noch alle der Männer unwürdige häusliche Arbeiten verrichten, und so lastet auf diesen armen überbürdeten Geschöpfen zu viel als daß sie getreue Mütter und Weiber seyn möchten. Abtreiben der Leibesfrucht und wohl auch Tödten geborner Kinder sollen darum sehr häufig unter ihnen seyn, um sich wenigstens von dieser Seite her ihren Lebensberuf zu erleichtern; die durch so verkümmerten Nachwuchs entstehenden Lücken suchen die Indianer durch Rauben von Sklaven, Kindern, Jünglingen, Mädchen, Männern und Weibern auszufüllen. Wie ungenügend solche gewaltsame Mittel sind einen Stamm zu erhalten, lehrt die Geschichte allenthalben und zu allen Zeiten, und so läßt sich auch diesen Lepanos, die bereits anfangen, sich mit den Comanchos zu vermischen, leicht ein Horoskop stellen. Bald wir nur mehr der Name von ihnen bestehen.
Die Art und Weise, wie die beiden andern ihre Gesichter bemalt hatten, war charakteristisch. Nicht etwa daß sie ihre ganzen Gesichter beschmiert hätten, nein, der eine hatte mit äußerster Sorgfalt am unteren Augenlied je zunächst der Thränendrüse einen weißen und schwarzen Punkt angebracht, als hätte er das Muster dazu von irgend einem Angehörigen aus dem Hühnergeschlecht genommen; der andere hatte die ganzen Augenlieder mit einem schmalen aber dicken Zinnoberstrich geziert, vermuthlich um seinem ganzen Gesichte einen martialischen furchterregenden Ausdruck zu geben. Letzterer führte den Namen Chico und hatte den Ausdruck eines außergewöhnlichen Spitzbuben von breiter athletischer Gestalt. Mitten in seinem breiten Gesicht saß eine pfiffige Stutznase, das Maul war breit und hatte aufgeworfene Lippen. Sein Anzug war nicht minder eigenthümlich; die dunkelblaue Militäruniform eines höheren mexikanischen Officiers mit schweren Silber-Epauletten, ursprünglich wohl nicht für ihn bestimmt, kleidete ihn vom Kopf bis zu den Moccasins, und um die Schultern hatte er ein langes schweres Stück Tuch vom selben feinen Dunkelblau gehängt. Als Halsschmuck trug er ein ächt indianisches Collier von schwarzen und weißen Glasperlen mit Elfenbeinstücken untermischt, künstlich und im Geschmack seiner Race mühsam zusammengearbeitet, vermuthlich das Meisterstück irgend einer Squaw. Ueberdieß hing an dunklem Bande eine schwere, wie mir schien, silberne Sonne von etwa 4 Zoll Durchmesser mit acht an ihren Strahlen steckenden Halbmonden vom selben Metall. Ob dieß ebenfalls gestohlen Gut oder vielleicht Familien-Erbstück war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Die Rückseite Chico`s war nicht minder interessant mit einem langen falschen fast bis zur Erde reichenden Zopf geschmückt; diesen Zopf nahm ich fast bei allen Lepanos und Comanchos wahr, die mir bis jetzt zu Gesicht bekommen. Die Verherrlichung dieses vielleicht altasiatischen Wahrzeichens bestand übrigens in einer Reihe von Silberblechscheiben, die in verjüngtem Maaßstabe von oben nach unten zu immer kleiner werdend, Stück an Stück am Zopf hinunter befestigt waren, nach Art jener flachen Messingringe, wie sie die Lastfuhrleute in Oesterreich, Bayern und Schwaben ihren Pferden anzuhängen pflegen.
Chico nahm fast durchaus nur passiven beschaulichen Antheil am Gespräch; nur einmal schien seine wilde Scheue freundlicherer Regung Platz zu machen, so daß er sich dabei kaum mehr vom Lachen erholen konnte. Unser Koch nämlich, der, um sich diese Indianer möglichst zu Freunden zu machen, allen Küchenvorrath ausgekramt und den hungrigen Wüstensöhnen vorgesetzt hatte, setzte sich mit andern auch herzu, um seine Neugier zu befriedigen. Er hatte nicht bemerkt, daß er dabei den Appendix seines Rückgrats gerade in den Weg einer Ameisenbevölkerung gesetzt. Letztere, die selbst ein solches Hinderniß nicht für unübersteiglich hielt, steigerte ihre Thätigkeit nur noch mehr und brachte in aller Stille, aber sehr schnell den Eigenthümer der in den Ameisenweg gesetzten Masse zu schnellem Aufspringen, ja er konnte sich nicht anders helfen als er mußte sich hinter die Coulissen retten, um sich da langsam Ruck für Ruck von den erzürnten Peinigern zu befreien. Chico`s Augen war dieß nicht entgangen, er hatte den Koch hinsitzen sehen, wo er es sicherlich nicht gethan hätte, und wartete nun mit eiserner Ruhe den Erfolg ab. Wie also der Koch aufsprang, so brach er in ein fröhliches Lachen aus, dem er wohl aus angeborner und angezogener Selbstbeherrschung mit zusammengedrückten Lippen ein Ende zu machen suchte, eine Mühe, die aber so lange vergeblich blieb, als er bei uns sitzend weilte. Da für die erwartenden Gäste keine weiteren Geschenke mehr herausschauten, denn wir hatten auf diesem Zug für uns selbst nur das Nothwendigste mitgenommen und durch die scheue Wildheit unserer des Packtragens ungewöhnten Maulthiere mancherlei Artikel eingebüßt, so kam die Unterredung nach und nach zu seichter Ebbe, so daß ein gewisser diesen Formenmenschen sehr eigenthümlicher Tact sie zum Aufbrechen zwang; dabei nahm jeder seinen eigenen Weg durch die Büsche. Chico ritt durch eine Lichtung hinauf, von wo er sich noch lange von hinten bewundern ließ, indem sein stattlicher Kopfschmuck auf weite Entfernung Silberblitze von sich schleuderte. Die letzten, welche gingen, waren die, welche nicht die Ehre hatten, in unserem Lager sitzen zu dürfen. Sie schlichen sich noch ober- und unterhalb unseres Lagers zum Flußufer angeblich zu trinken, in Wirklichkeit aber möglichen Fall noch etwas mehr herauszuspähen.
Als uns endlich der Letzte aus den Augen war, so beschloß ich bei mir ganz kurz, morgen den Platz zu verlassen und nach dem Rio San Pedro zurückzugehen, um wo möglich der uns nachgesendeten Escorte zu begegnen oder nöthigen Falls darum zu senden. Vorwärts konnten wir, wie wir waren, nicht und stehen bleiben wollte ich nicht, um den lauernden Räubern nicht Zeit zu geben und zu zeigen, wie schwach wir eigentlich gegen sie waren. Hatten sie Zeit zu calculiren und unsere durchaus abgeschnittene Lage auszufinden, so konnte uns ein angebotener Kampf nur Nachtheil und vielleicht auch Verderben bringen. Von hier aus konnte ich auch nicht hoffen einen oder zwei Expressen nach der Escorte schicken zu können, zwei Büchsen und zwei Pistolen zu missen, wäre zu viel gewesen, wie es auch gefährlich gewesen wäre, zwei Männer allein durch eine Wildniß zu senden, in der sie sich bloß bei Tag hätten durchfinden können. Indessen theilte ich meinen Entschluß niemanden mit und ließ den Leuten den ganzen übrigen Tag Zeit sich unter sich über alle Möglichkeiten zu besprechen, was sie um so leichter thun konnten, als sich den ganzen Tag kein Indianer mehr zeigte; dieß war mir, so wenig ich sie auch zu sehen wünschte, kein gutes Zeichen. Ich beschäftigte mich den Rest des Tags mit Pflanzenumlegen, zoologische Exemplare zu packen, Baden u. dgl. Abends ließ ich die Wachen verdoppeln und hielt in der Nacht selber Inspection, was ich gewöhnlich auf mich nahm, wo es die Verhältnisse erheischten. Solches oft gethan zu haben, hat gewiß noch kein Reisender in Indianerländern bereut.

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