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Schluss: Auszüge aus einem Tagebuche vom Rio Bravo del Norte von Arthur Schott

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland. 
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 17, 28. April 1854, S. 403

Autor: Arthur Schott

Der Verfasser war damals Assistant Surveyor of the N. G. Mexican Boundary Commission, und befand sich mit einer Partei von 15 Arbeitern in der Nähe des sogenannten Eagle-Passes.

Pueblo de Taos, Neu-Mexiko

Donnerstag den 30 Sept 1852. Wir hatten nun einen Rückzug zu machen. Dieses so sicher als möglich zu bewerkstelligen, hatten wir aus unserem Lagermarsche zwei Wege. Der eine führte am unteren Ende über die Mündung eines halbtrockenen Wildbaches, auf neueren Kartenplänen als Howardssprings bekannt. Dieser hätte unsern Marsch bedeutend verkürzt, allein, ihn zu gehen, hätte dem Rückzug zu sehr das Ansehen von Flucht gegeben, was unsere verdächtigen Freunde mehr als eingeladen hätte uns irgend wie feindlich in den Weg zu treten, wobei der Vortheil des Terrains immerhin ihrer gewesen wäre. Sie zu foppen und irre zu machen, nahmen wir daher unsern Weg am oberen Ende hinaus am Fuß jener Hügel hin, hinter welchen sie ihr Lager hatten. In dieser Richtung marschirten wir möglichst geschlossen etwa 1 ½ Meilen, ihre Wachen und Spione stets in der Frage lassend, ob wir, wie ich ihnen gestern gesagt hatte, wirklich das Flußthal aufwärts nehmen würden oder nicht. Endlich hatten wir rechts abzuwenden, um die einzige Furt zu gewinnen, welche durch die über 100 Fuß tiefe Felsenschlucht obbezeichneten Wildbachs führt. Kaum waren wir in deren Nähe angelangt, so sahen wir zu unserer Linken 17 gewaffnete Reiter in schräger unsere Marschlinie schneidender Richtung auf uns zureiten. Sie hielten die bekannte Art (indian file) einer hinter dem andern. Was konnte ihre Absicht seyn? Wir beeilten uns darum schnellmöglichst die Schlucht zu passiren, die uns jeden Nachtheil, ihnen aber allen Vortheil geboten hätte. Ich selbst hielt mich mit zwei Männern zurück, während die Maulthiere und ihre Führer langsam die felsigen Pfade auf- und abkletterten. Die andere Seite ward gewonnen und alles sammelte sich nun, gemessen und geschlossen vorwärts zu marschiren, da wir alle der festen Ueberzeugung waren, daß die Präriesöhne nichts Gutes im Sinn hätten. Wir sahen bald darauf wieder dieselbe Reihe Reiter aus einer der unzähligen Schluchten auftauchen, ihre Linie streng einhaltend aber ihre Eile beschleunigend. Endlich rannten vier davon in vollem Laufe voraus unsere Linie kreuzend und an den rauhen Abhängen einer uns zur Rechten gelegenen Hügelreihe verschwindend. Fast im selben Augenblick erschienen dieselben 17, verstärkt durch zwei mehr, ebenfalls dieselbe Linie nehmend, indem sie gestreckt galoppirend jenen vieren nachfolgten. Um diesen Vorsprung zu gewinnen mußten sie ihre Pferde nicht übel getummelt haben. Der Trainführer K., ein erfahrener Indianerstreiter, Hinterwäldler aus Tennessee und ein ungemein kühler Geselle, der sich nicht leicht oder nie aus der Fassung bringen ließ, meinte jetzt, lächelnd aber ruhig seinen Tabak fortkauend, daß dieß ein wenig verdächtig aussehe, um so mehr als eben jetzt fünf andere wieder auf der linken Seite erschienen, aber dort mit unserer Linie parallel fortritten. Bald darauf sahen wir auch drei in unserem Rücken etwa eine halbe Meile entfernt, aber stets Schritt mit uns haltend. Daß jetzt noch vier weitere Reiter vor uns von der Linken zur Rechten herüberwechselten, um sich mit der Haupttruppe zu verbinden, brachte den kühlen Führer zu der Aeußerung: „That is suspicious, I think they`ll fight“ (dieß scheint verdächtig, ich denke, sie wollen fechten). Er sagte es aber mit solcher Seelenruhe und Gleichgültigkeit, als ob er etwas übers Wetter sagen wollte. Seine Fassung machte indessen auf die meisten unserer Partie weniger Eindruck, als das was er sagte. Einer der Arrieros, kein Mexikaner und sonst ziemlich unerschrocken, schlug jetzt vor, Halt zu machen und die Maulthiere und Pferde in einer Vertiefung, darin wir uns eben befanden, festzumachen, um zum Kampf freie Hände zu haben, falls die Indianer ihn anbieten sollten. In diesem Vorschlag war nicht Vernunft genug, um darauf einzugehen, er war vom Augenblick eingegeben. Noch waren die Rothhäute nicht in solcher Ueberzahl, um einen Kampf in offenem Felde zu wagen, denn sie sind äußerst vorsichtig, wo sie denken können, daß es ihrerseits auch etwas kosten könnte. Hätten sie auch jetzt Muth genug gehabt, so sind sie erfahren genug, um sich für solchen Zweck ein passenderes Terrain auszulesen. Für uns selbst wäre diese Stelle zudem auch wenig geeignet gewesen, um in einer dürren wasserlosen Wüste auch nur ein paar Stunden mit Zuwarten zu verlieren, bis es den Indianern gefällig gewesen wäre anzugreifen oder davon zu gehen. Sie hätten uns in der That die Zeit hier lang und schwierig machen können. Der Trainführer und ich stimmten hierin vollkommen überein, und so mahnte ich zu ununterbrochenem Marschiren, so daß den Rothhäuten kein Zeichen gegeben werden möchte, als ob wir uns irgend um sie kümmerten. Zwei und drei Lastthiere je an einer Leine zusammengekoppelt, und je von einem Mann geführt, ging unser geschlossener Zug vorwärts. Jose Morales, einer der seltenen unerschrockenen Mexikaner, und ich selbst machten zu Fuß die Avantgarde, rechts und links vor dem Zuge her marschirend, während der Trainführer K. seine Büchse vor sich quer über den Sattelknopf haltend den Zug anführte und Gestrüpp und Klüfte überschauend die geeignetste Richtung angab, um jedem vermutheten Hinterhalte so viel möglich auszuweichen. Die Indianer waren kurz darauf alle verschwunden, und es zeigten sich nur hin und wieder kleine vereinzelte Posten derselben, welche übrigens stets Curs und Schritt mit einander und mit uns hielten. Wir dachten nicht anders, als daß sie uns einen Streich zu spielen vorhatten, und so war jeder gefaßt und gerüstet, in solchem Falle sein Bestes zu thun. Wir marschirten auf diese Weise und, so zu sagen, die Hand am Drücker, Meile um Meile vorsichtig jeden hohlen Paß u. dgl. vermeidend. Die Aufregung meiner Leute während dieses Marsches machte sich auf die verschiedenste Weise sichtbar, theils in lauter oder schweigsamer werden, theils in übertriebener Besorgniß, worin sich besonders mein Feldkoch lächerlich machte. Dieser, ein Halbblutmann (Franzose und Indianer) befand sich während der ganzen Zeit in einer heulerischen, weinerlichen Stimmung, und fand jeden Busch oder jeden Felsschlupf den gefährlichsten im ganzen Territorium. So oft er mir nahe kam hatte er einige Nachteulenphrasen für mich, wie z. B.: „Oh! Mr. Schott: „Over there are five Indians more, sure they will give us a fight;“ oder Oh! Mr. Schott – I told you before, it had been better to march in the night; oder I do`nt know how to fight so many  of these Indians, or even to keep our mules together.“ Meine Antworten waren immer so lakonisch als möglich, indem ich auf seine Büchse zeigte, wobei ich ihn daran erinnerte, daß er ja 6 Jahre lang Vereinigter Staaten Soldat gewesen sey und wissen müsse, wie die Büchse zu halten sey. Der Mann war mir seiner Kleinmüthigkeit merkenswerth, nicht als ob es deren nicht mehr in der Welt gäbe, aber abstammend von zwei sonst im Kampfe braven Volksstämmen, Franzosen und Indianern, hatte der arme Teufel nicht so viel Gewalt über sich, um ein wenig zurückzuhalten, was ihn vor den andern so lächerlich machte. Sollte in diesem Individuum durch Racenkreuzung aller Charakter nothgelitten haben? Oder was war die Ursache? Ich machte ähnliche Erfahrungen an der gemischten Race des heutigen Mexikaners, in welchem das einstige spanische Heldenblut der Nachfolger Cortez und die zähe Tapferkeit seiner Gegner förmlich zu Wasser geworden zu seyn scheint.
Unter solchen Umständen, wie unter fortwährender Wachsamkeit und Vorsicht ging der Marsch nahezu den ganzen Tag über rauhes, mit vielen Felsschluchten durchschnittenes, ödes, nur mit Dornen- und Stachelgewächsen bedecktes hochgelegenes Flachland hin.  
Bei alldem blieb indessen der Tag für meine Naturbeschauungen und Sammlungen kein ungünstiger. So fand ich z. B. in einem jener unzähligen Mesquiteholz-Striche ein sehr niedliches Pflänzchen in Blüthe, wenn ich nicht irre aus der Ordnung „Polemoniaceä“ mit verhältnismäßig großer lackrother Blumenkrone, sonst aber dem Habitus nach einer Polygala ähnlich. Ich hatte dieses Gewächs bis jetzt noch nicht gesehen. Für meine entomologischen Studien gewann ich überdieß mehrere Exemplare eines sehr niedlichen Käfers der Ordnung Capricornia. Es schien für dieselben ein ganz besonders günstiger Tag. Der Himmel mit dichtem Wolkenflor verschlossen, aber die Temperatur hoch – so war das offene Land gleich einem künstlich gewärmten Glashaus. Tage von solchem Charakter fand ich stets in diesem Lande ergiebig, um meine Sammlungen mit Reptilien aller Art, Käfern, Larven und dgl. Geziefer zu bereichern. Heute fand ich die bezeichneten Käfer alle in dichten Gruppen auf einem außerordentlich niedlichen Strauche aus dem Geschlechte Dalea, den Hülsenträgern angehörig. An solchen Tagen pflegte ich meine Leute stets besonders vorsichtig auf Schlangen und Taranteln aufmerksam zu machen. Wer sich nie in solcher Natur bewegt und gelernt hat, jeden Schritt zu bewachen, um nicht dafür in Gefahr zu kommen, einen Angehörigen solcher Landschaft wissentlich oder unwissentlich beleidigt zu haben, kann sich keinen Begriff machen, was ein Marsch in solchem Lande und unter solchen Verhältnissen heißen will. Es läßt sich da füglich eine engl. Meile zu gehen als so ermüdend ansehen, wie unter gewöhnlichen Verhältnissen eine geographische Meile seyn dürfte.
Seit ungefähr einer Stunde hatten wir nun keine Indianer mehr gesehen. Dieß brachte die mehr oder weniger allgemeine Aufregung in etwas herunter, doch minderte es unsere Wachsamkeit um nichts; im Gegentheil wie gewöhnlich ein verborgener Feind viel gefährlicher ist als ein sichtbarer, so hatten wir jetzt doppelt auszulugen, und ich glaube daß uns auf unserer ganzen Linie nicht eine einzige Spur oder Fährte entging. Man beobachtet hiebei auch seine Vortheile, und ein paar flüchtige Rehe, ein Wolf oder aufgescheuchte Vögel auf irgend einem Punkte dürfen nie unbeachtet bleiben.
Ueberraschen und Erschrecken, Wachsamkeit und Vorsicht. Ermüden ist wie bei allen wilden Völkern auch die Haupttaktik der Indianer. Wie immer die verschiedenen Stämme in gewissen Sitten und Gebräuchen von einander abweichen mögen, in Treulosigkeit und gänzlichem Mangel an Ritterlichkeit sind sich, wie es scheint, die Indianer am Rio Bravo alle gleich. Alle Erzählungen und Berichte stimmen darin überein, daß Indianertreue nichts anderes als eine barbarische Schwester der graeca fides ist. Will man mit diesen Wüstensöhnen auf gutem Fuß stehen, so muß man stark und stets bereit seyn sie zu empfangen.
Gegen 3 Uhr Nachmittags zogen wir endlich durch mehr offene Prärie an jenem einzeln stehenden Hügel vorüber, dessen ich schon an einem andern Orte erwähnte und der in der Nachbarschaft eines Nachtlagers steht, welches wir schon früher einmal am Aroyo „las cuevas pintas“ (painted caves) bezogen hatten. Wir hatten diesen nackten Kegel, an dessen Fuß sich ein Schatz von versteinerten oder besser vererzten Schnecken (aus der unteren Kreide) befindet, eben hinter uns, als wir auf ganz frische Spuren berittener Indianer stießen, die hier wieder unsere Marschlinie gekreuzt hatten. Die Fährten zeigten auf 10 – 11 Mann und hatten die Richtung nach der El Pasostraße zu, mit welcher sich unser Pfad nahe bei den Cuevas Pintas vereinigt. Diese Fährten lehrten uns deutlich genug, daß der Tag noch nicht zu Ende war. Las Cuevas Pintas war kein Platz, dem wir uns unter den gegebenen Umständen für eine Nacht anvertrauen durften. Nicht allein machte ihn Holzmangel unpassend, sondern die engen graslosen Flächen sind rings von steilen Abhängen und theilweise auch von senkrechten Felsen umgeben. In solche Stellung konnten wir uns nicht gefangen geben. Wie müde und erschöpft denn auch der ganze Haufen war, so setzten wir doch unsern Marsch fort, um noch vor Nacht den St. Petersfluß und dessen anderes Ufer zu gewinnen. Der Rio San Pedro ist ein wilder Bergstrom mit ungewöhnlich wildem und zerrissenem Felsbette. Er fließt oft auf Meilen weit unterirdisch, gänzlich unsichtbar, und selbst da wo er sein wunderbar schönes krystallklares Wasser über unermeßliche flache Kalksteinbänke treibt, scheint ein Theil seiner Fluth unterirdisch fortzutreiben. Seine beiden Ufer sind meist senkrechte Felswände, welche nur auf sehr wenigen Punkten Durchgang gestatten. Ein solcher befindet sich dann da, wo ihn die San Antonio-El Pasostraße übersetzt. Der Wildheit seiner Natur wegen und eben so um der vielen Indianerfährlichkeiten willen, die hier ihren Schauplatz haben, erhielt er, wie es scheint, von einem amerikanischen Officier, der ihn früher recognoscirte, den Namen „Devilsriver,“ welcher Namen jetzt bei weitem der gewöhnlichste ist. Die Spanier nannten ihn Rio San Pedro, und als zur Priorität und Autorschaft haltend, bleibe ich dabei. Der Fluß, dessen Bett nur hin und wieder über 4 – 5 Fuß tiefe Löcher und Klüfte hat, ist gewöhnlich und durchschnittlich kaum über 1 ½ Fuß tief. Der Grund ist entweder solider flacher Kalkfels, dessen Kanten und Unebenheiten mit Kalksinter verkrustet sind, oder er ist wild mit rauhem Kies überworfen, welch letzterer zuweilen durch dasselbe kalkige Cement zu einem Conglomerat zusammengebacken ist.
Wir hatten Abends kaum vor Dunkelwerden diesen Fluß durchwatet und unser Lager auf dem linken Ufer dicht an Wassers Rand aufgeschlagen. Obwohl in einem engen Hohlweg befindlich, so waren wir doch durch ein undurchdringliches Marschgehölz geschützt. Dieses verhüllte uns jedem Späherauge, welches uns etwa von den Spitzen der senkrechten Felswände herab ausmerken sollte. Gras war zwar nicht genügend, allein für eine Nacht mußten sich die Lastthiere bescheiden, die sonst in guter Haltung waren. Als die gewöhnlichen Lager- und Kochfeuer rauchten, suchte sich jeder sein Plätzlein, wo er sich für die Nacht betten wollte, die Hüter führten die Thiere in der Nachbarschaft aufs Gras, und die gewöhnlichen Lagerverrichtungen, wie Schuh- und Kleiderflicken, Waschen, Baden, Dornen- und Cactusstachelausziehen, Essen und Wassertrinken gingen in gemächlicher Ungebundenheit vor sich. Jeder war froh wie es war, und streckte sich oder setzte sich auf sein auserlesenes Fleckchen in der großen gemeinsamen prachtvollen Laube. Ehe es vollständig dunkel war, wurden die Pferde und Maulthiere hereingetrieben und in der Straße zu beiden Seiten, an stärkeren Gesträuchen oder Bäumen angehängt. Mit einbrechender Nacht bezog die erste Wache ihren Posten, und alles war so in Ordnung, daß sich keiner viel daraus machte, als es leicht zu regnen anfing.
Ich hatte ein allerliebstes Plätzchen zur Lagerstatt genommen, der Raum war schmal aber geschlossen. Sykomoren und Beinholz (Celtis) hielten einen förmlichen natürlichen Baldachin darüber, an dem die malerischen Ranken eines giftigen Sumachs (Poison-ivy) die Stelle von Schnür- und Quastenwerk versah. Eine Titania könnte ein Stelldichein hier feiern. Mir das Gefühl von Ermüdung nach den heutigen Strapazen zu erleichtern, zog ich meine Kleider herunter, um mich eines Bades im San Pedro zu erfreuen, worauf ich mir sogleich selbst einen türkischen Kaffee zurecht machte. Mit diesem ließ ich mirs unter meinem Laubdach wohl seyn, doch nicht eher bis ich alle Anstalten selbst besichtigt hatte, die zu möglichster Sicherheit des Lagers nöthig waren. Mit einfallender Dämmerung wurden Maulthiere und Pferde eingebracht und in dem dichten Laub und Gebüsch-Paß, welchen die Landstraße hier bildet, in einer Reihe festgebunden. Da dieser Paß einen Ellenbogen bildete, so wurde der Wachtposten ans äußerste Ende desselben gestellt. Wie es dunkler wurde, nahm auch ein leichter Regen zu, den wir Anfangs nicht viel beachtet hatten, da wir uns unter so gutem Laubdach befanden. Bald wurden wir aber eines besseren oder richtiger gesagt eines schlimmeren belehrt, indem es mit einfallender Nacht so nachhaltig herabgoß, daß keiner von uns mehr sich mit etwas anderem schützen konnte, als mit stummer Ergebenheit in das Unvermeidliche. Ich hatte Anfangs eine Cautschucdecke über mich gezogen, welche ihre Schuldigkeit wohl that, sie konnte aber nicht hindern, daß das Regenwasser nicht in Strömen unter mir hinlief. So ließ sichs denn wirklich nicht verhehlen, in welch sauberer Patsche wir uns befanden; hielt dieser furchtbare Gewitterregen an oder hatte er aufwärts im Flußthal auch nur einige Ausdehnung, so konnten wir gefaßt seyn, mitten in stockfinsterer Nacht das Lager abbrechen zu müssen, um uns in schnellster Eile aus der Schwemme zu machen, wenn wir uns und unsere vierfüßigen Reisegenossen nicht dem Ersaufen aussetzen wollten. Ich lag der nächste am Wasser und hatte ein stätes Auge auf den Stromspiegel, dessen Steigen mir nicht entgehen konnte. So lag und wachte und duldete ich, nichts denkend und wünschend, als daß der Regen bald nachlassen möchte. Da fällt ein Schuß. – Hollah! Was ist das? und ich hörte im Lager ein leises Hin- und Hergehen und Wispern. Die Pistole hatte ich so zwischen den Armen gehalten, daß sie nicht naß werden konnte. Als ich auf die Stelle zuging, wo der Schuß gefallen, erhielt ich die Meldung, daß zwei Thiere, ein Pferd und ein Maulthier von den Halftern geschnitten waren und daß die Wache, nachdem sie wieder ein Geräusch im Gebüsch gehört, auf den Punkt hingefeuert habe, daß aber jetzt alles still seye. Mehrere Leute gingen nun hin und her nach den andern Thieren zu sehen und fanden, daß noch ein drittes, auch ein Maulthier, fehlte. Die Indianer, den Sturm und Lärm des Gewitters benützend, hatten sich beigeschlichen und drei unserer Feldlebensgenossen mitgenommen. Sowie die Wache behauptete, geschah dieß gerade während der ersten und zweiten Ablösung, doch glaube ich, eher war die Ermattung unsererseits dießmal die Gehülfin der Diebe. Nach den Anstrengungen und Aufregungen der letzten Tage und besonders nach der abspannenden Strapaze von heute war dieß kein Wunder, und bei einer solchen Nacht keinem zu verargen wenn seine geschwächte Wachsamkeit getäuscht wurde; drei der Leute benützten nun das einzige Licht, welches wir hatten, das Leuchten des Blitzes und schlichen sich weiter in der hohlen Gebüschgasse hinaus, wo sie an einen einzelnen Busch gebunden das dritte gestohlene Thier wieder fanden. Der Dieb hatte es hier festgemacht, um noch ein viertes zu holen, davon schien er aber durch das Feuern abgeschreckt worden zu seyn. Selbige Nacht wurde wohl nicht mehr viel geschlafen, da jetzt jeder wußte daß die Rothhäute nahe waren.
Mit anbrechendem Tage ging der Vormann der Arbeiter, ein erfahrener Hinterwäldler aus Tenessee, hinaus, um die Diebe und die gestohlenen Thiere abzuspüren; dieß war leicht gethan, führte aber zu weiter nichts als daß wir erfuhren, daß die Thiere ungefähr 200 Schritte oberhalb des Lagers über den seichten Fluß gefurtet worden waren. Dieß geschah unter einem hohen Felsen, der den Hohlweg auf dem linken Ufer des Flusses hier schließt. Auf dem Rücken dieses Kalksteinblocks wurden die Fußtritte von etwa 11-12 Indianern entdeckt, die ungefähre Zahl jener Reiter, deren Fährten unsere Marschthiere gekreuzt hatten, kurz ehe wir gestern Abend den San Pedro erreicht hatten. Diese Diebspalikaren hatten hier noch bei Tageslicht unsere Ankunft erspäht, und ruhig zugesehen wie unser Lager bestellt war, da sie eben von jenem Felsrücken in die enge Baumgasse sehen konnten, worin wir unsere Thiere angebunden hatten. In dem weichen Boden der Straße sahen wir die Spuren eines außerordentlich kleinen und zierlichen nackten Fußes, dessen sich die eleganteste Creolin nicht zu schämen gebraucht hätte.
Die Indianer benützen bei solchen Abenteuern gewöhnlich junge Leute, Knaben oder Sklaven, die sich mit nichts als einem Messer und fast ganz nackt beischleichen. Wird ein solcher ertappt, so wirft er das Messer weg und lügt irgend eine Geschichte her, daß er, den erfahrenen Mißhandlungen entlaufend, hergekommen sey, um hier Aufnahme und Futter zu finden. Findet er diese, so läßt er sichs ein paar Tage wohl seyn, spürt dann noch bequemer eine Diebsgelegenheit aus und er hat dann bald genug auf das Mitleid gesündigt. Viel häufiger geschieht übrigens, daß er nicht ertappt wird und dann macht er es so, wie er uns heute gezeigt.
Während ich nun in der Frühe das Lager abbrechen und den Abmarsch vorbereiten ließ, schickte ich einige Bewaffnete durch Klüfte seitwärts der Straße auf das Bergplateau, um nöthigenfalls unsern Marsch durch den Hohlweg zu decken. Diese Vorsicht war kaum mehr nothwendig, da die Rothhäute ihr kriegerisches Heldenwerk von gestern bereits gekrönt hatten und spurlos verschwunden waren. Unser Zug wand sich langsam den Felsensteig hinauf und befand sich bald in der Richtung von Aroyo San Felipe, an dem ich mein Lager aufzuschlagen gedachte, und von wo aus ich die längst erwartete Verstärkung erwarten und einen Expressen absenden wollte, um ein paar Maulthiere mehr zu bekommen. Auf halbem Wege, ehe wir den San Felipe erreichten, begegneten wir der Verstärkung, bestehend aus einem bewaffneten Reiter, der zur Gränzcommission gehörte, und dann drei Mann des ersten  Infanterie-Regiments unter einem Corporal, die alle zusammen unter meine Ordre gestellt waren. Gleichwohl konnte ich meinen Marsch nach dem Puercos nicht wieder aufnehmen, da wir nicht genug Packthiere hatten, um unsre nöthigste Bagage, Proviant und Feldeinrichtung mitzunehmen.
Nachdem ich also mein Lager am San Felipe aufgeschlagen, schrieb ich über das Geschehene an den Chef der Vermessung, welcher sich damals im Eagle Paß befand. Mit einbrechender Nacht saßen die beiden Expressen auf, um ungesehen durch die Prärien zu kommen. Der Weg, den sie zu reiten hatten, war ungefähr 80 Meilen lang.
Die Leute welche eben zu uns gestoßen waren, brachten wir unter anderem auch die sehr angenehme Nachricht, daß der verlorene alte Francisco glücklich im Eagle Paß angelangt seye, was mir wie einen Stein vom Herzen nahm. Der Alte hatte sich klüger benommen als ich ihm zugetraut. Nachdem er uns nämlich in den Prairien verloren hatte und zufällig der erste war, der wider seinen Willen dem Indianerlager nahe kam und wirklich einen derselben gesehen hatte, hockte er sich bis zum Abenddunkel in ein Gebüsch nieder. Nachts nahm er den Weg unter die Füße und lief um die Landstraße zu finden. Nachdem ihm solches geglückt, that er Gewaltsmärsche, sich bei Tag seitwärts der Straße hinschleichend, um aller Begegnungen sicher zu seyn. Als ächter Mexikaner wußte er sich auch etwas Lebensmittel zu verschaffen, die er in den Früchten von Opuntien und in Portulack fand. So gelangte er am Abend des andern Tags in die Nähe eines damals neuerrichteten Militärforts am Las Moras. Die Wache rief ihn an und arretirte ihn. An dem Doppelgewehr, welches er trug, ward er von einem der Officiere als zu meiner Partie gehörig erkannt und mit einem nächsten Train nach Eagle Paß geschickt.
Mit den mir an den San Felipe nachgehenden Leuten kam der gute Alte wieder mit und ließ sichs dießmal angelegen seyn, sich nicht wieder vom Zug zu entfernen. Zwei Wochen darauf ward die Vermessung bis zur Mündung des Puercos, dem Zielpunkte meiner dießmaligen Bestimmung, zu Ende geführt. Alles lief somit glücklich ab, und bereits werden in Washington die auf diese Gränzlinie bezüglichen Karten gezeichnet.

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