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Skizzen aus Costa Rica: Die Mündung der Barranca - Krokodile - Waldleben am Jesu Maria - Pigres - Die Heuschrecken

Unveränderter Originaltext aus der Zeitschrift:

Das Ausland.
Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker.
Nr. 12, 24. März 1854, S. 267

Autor: N.N.

Palmenwald

Von Punta Arenas nach der Mündung des Barrancaflusses beträgt die Entfernung etwa 2 Leguas. Reisende, welche diese Gegenden besuchen, thun wohl einen Ausflug nach der Barranca nicht zu scheuen, weil sie dort Gelegenheit haben, jene merkwürdigen Reptilien, die bei uns nicht heimisch, aber durch ihre Furchtbarkeit und Häßlichkeit viel berühmt sind, in ganzen Gesellschaften zu sehen – wir meinen die Kaimane und die ächten Krokodile mit länglichen, wie gedrückten Schnauzen und ungleichen Zähnen, deren Arten bekanntlich in Amerika wie in der alten Welt repräsentirt sind. Man sieht sie hier zwar nicht ganz so zahlreich wie am Rio Grande, doch immer noch zu Duzenden auf den Sanddünen im Sonnenschein schlafen. Sie haben ein feines Gehör und scheinen am Land sehr feige, da sie insgesammt bei unserer Annährung schnell in das Wasser schlüpften und nach der entgegengesetzten Seite schwammen, wohin wir ihnen nicht folgen konnten.
Das rechte Ufer der Barranca ist am Ausflusse niedrig und sandig, das linke Ufer hoch und felsig, die Waldbäume reichen hier fast dicht an das Wasser. Klammeraffen hüpften drüben spielend auf den Zweigen und schrieen mit Kakadus und rothen Araffen, welche die höchsten Baumwipfel bevölkerten, um die Wette, während die Krokodile sehr langsam und feierlich auf- und niederschwammen. Da sie nur einen Theil des Kopfes und Rückens über die Oberfläche des Wassers erhoben, so war es uns nicht möglich auch nur vermuthungsweise das Species zu erkennen. Hier sah ich auch den ersten großen Hayfisch im Golfe von Nicoya. Die Fluth drängte mit mächtiger Brandung das Süßwasser stemmend in das Flußbett ein, und der Hayfisch, dessen Rückenflosse wenigstens vier Zoll über dem Wasser ragte, schwamm zuerst an der Mündung auf und nieder, blokirte dieselbe wie eine Fregatte einen feindlichen Hafen, und wagte sich dann selbst in den Fluß. Er mochte hier reiche Beute machen, denn die kleinern Fische tummeln sich an dieser Mündung mit Vorliebe im brakischen Wasser. Mehr als ein Krokodil kam langsam mit kaum wahrnehmbaren Ruderschlägen an dem Hay vorübergeschwommen, und wir hofften schon, es werde zwischen den beiden Ungeheuern einen tüchtigen Kampf absetzen. Man that uns aber nicht diesen Gefallen. Der Hay mußte die Härte des Schuppenpanzers des Alligatoren und dieser die Größe des Rachens und die Schärfe der Zähne des Gegenschwimmers kennen. Die Bestien ruderten ruhig an einander vorüber und nahmen mit kleinem Fraße vorlieb, welchen ihnen die aufschäumende Brandung mitunter geradezu in den Rachen warf.
Sonst haben wir an der Mündung der Barranca nichts Merkwürdiges beobachtet. In den Wald konnten wir nicht eindringen, weil er sehr sumpfig war, und die kleine Hütte, die hier steht, ließen wir unbesucht, da sie gar zu erbärmlich aussah und der Inhalt der Küche schwerlich im Stande gewesen wäre, unsern Appetit zu stillen, den wir bis Esparza aussparten.
Durch die Furt der Barranca ritten wir auf dem alten Weg zurück und begrüßten da wieder die herrliche Majestät des alten Urwaldes, der seine stolzesten Kolosse dicht am Wege aufgestellt hat. Von dort gingen wir nach Jesus Maria, wo wir eine kleine Viertelstunde vom Flusse gleichen Namens unser Standquartier in einer langen, offenen Barrake nahmen, die mit Hohlziegeln bedeckt ist, aber keine Wände hat. Es ist eine sogenannte „Casa del Gobernio“, welche auf Kosten der Regierung aufgeschlagen worden, um durchziehenden Reisenden, welche die Nacht oder ein Gewitter überrascht, besonders aber den Ochsenkärrnern und Maulthiertreibern, die hier ihre bestimmte Station haben, ein Obdach zu geben, das sie wenigstens gegen den Regen schützt. Wir fanden hier außer vielen Ochsenkarren auch ein Duzend Wegarbeiter, welche in dieser offenen Barrake ihre Küche bereiteten und ihr Nachtlager bezogen. In der nächsten Umgebung lagen einige Bauernhäuschen mit Maisfeldern, Zuckerpflanzungen und umzäunten Wiesen, welche einen Theil des primitiven Hochwaldes verdrängt haben. Im Uebrigen war die ganze Gegend mit Wald bedeckt, und da wir gleich nach den ersten Erfahrungen merkten, daß sich dieser Punkt ganz vortrefflich zu Sammlungen eigne, so beschlossen wir, hier längere Zeit zu verweilen. Aus den Tagen wurden Wochen. Die Ausbeute, besonders die entomologische, wuchs immer schöner an, und wir haben in vier Welttheilen, die wir zu naturhistorischen Zwecken bereisten, niemals in gleichem Zeitraum eine gleiche Zahl von theils ganz neuen, theils seltenen Arten gesammelt. Unser Reisegefährte, Hr. Jakob Huzel aus Balingen, theilte mit uns die Mühseligkeiten und Entbehrungen wie die Genüsse dieses Waldlebens. Er blieb auch nach meiner Rückkehr nach San Jose noch einige Wochen am Rio Jesu Maria zurück, und brachte von dort sehr schöne Sammlungen mit. Es gab hier gute Gelegenheit, die außerordentliche Mannichfaltigkeit in den Formen tropischer Organismen zu bewundern. Nirgends findet hier eine große Anhäufung der gleichen Arten statt, wie in der gemäßigten Zone außerhalb der Wendekreise und besonders wie in den Gegenden des höhern Nordens, wo die trübselige Monotonie der Pflanzen und Thiere einen sammelnden Naturforscher fast zur Verzweiflung bringt.
Es würde uns zu weit führen, alle Naturscenen, Walderlebnisse, Jagdabenteuer u. s. w., die uns während dieses vierwöchentlichen Bivouaks begegneten, im Einzelnen zu schildern; ohnehin hätte dieß keinen directen Bezug auf eine Beschreibung des Landes und Volks von Costa Rica. Uns werden die interessanten Tage und Nächte, die wir in einer der schönsten Wildnisse des Erdrundes zugebracht, auf Lebensdauer unvergeßlich seyn, und wir haben, als wir später nach der Hauptstadt San Jose zurückkehrten, wo die Abende oft in so leerer und langweiliger Gesellschaft zugebracht wurden, uns gar manchmal wieder nach dem wilden Urwaldleben und den sternenhellen Nächten in dem Urwald von Jesus Maria zurückgesehnt.
Eine Episode dieses Aufenthalts bildete unser Ausflug nach Tarcoles in Begleitung des Alcalden von San Matteo, Don Jose Maria Rogaz, dessen Gesellschaft wirklich recht viel Belehrendes hatte, denn der Mann war ein guter Kenner des Landes, wußte uns Namen und Nutzen aller Forstpflanzen anzugeben, und zeigte eine große Gewandtheit als Jäger. Wir machten die Reise von San Matteo nach Pigres am 14 Julius in sehr zahlreicher Gesellschaft. Die Regierung der Republik hatte nämlich den Heuschrecken den Krieg erklärt und den Alkalden von San Matteo als General an die Spitze einer Colonne gestellt, welche jene gefräßigen Orthopteren in Pigres überfallen sollte. Der Alarmruf war zuerst von Guanacaste gekommen. Die aus Nicaragua eingerückten Heuschrecken fielen dort über das frische Futter der Savannen her, und verschmausten nebenbei noch anderes, was ihnen eben unter den Freßapparat kam. Auch der Mais und der Pisang waren neben den weicheren Savannenpflanzen ihrer gierigen Lefze und ihrem schnellverdauenden Magen willkommen. Sie rückten in diesem Jahr weiter gegen Süden, als man seit Menschengedenken gehört hatte, fraßen in den lichten Waldwiesen von Pigres mit dem Hornvieh in die Wette und bedrohten selbst die schönen Pisanggegenden von Tarcoles. Der Nothruf drang von dort nach San Jose, und die hochweise Regierung der Republik, welche von Sitten, Bräuchen und Fortpflanzungsart der Locustiden nur sehr wenig Kunde hatte, fürchtete sogar für die Haciendas und Kaffeeplantagen des Hochlandes, und hoffte durch einen Ausrottungsbefehl das drohende Uebel zurückzuhalten.
Hätte man uns vergönnt, der Regierung einen Rath zu geben, so würden wir sie ersucht haben, die Vertheidigung ganz allein den Naturkräften, der schützenden Riesenmauer der Cordilleras und den dicken Schanzen des Urwaldes zu überlassen, da bekanntlich Insecten, die in der heißen Temperatur der Tiefe heimisch sind, dieselbe nicht leicht gegen das kühle Andesklima vertauschen. Die Vertilgung an der Küste aber konnte man den Octoberregen oder der Decemberdürre anheimstellen und allenfalls noch die insectenfressenden Vögel und die zahmen und die wilden Schweine um Beistand anrufen, denn die menschlichen Vertilgungskräfte haben sich gegen die Milliarden solcher Raubinsecten allenthalben als unnütz und unmächtig erprobt. Im Süden Rußlands, wo ein mächtiger Autokrat doch über ganz andere Kräfte verfügt und die Menschen zu andern Anstrengungen zwingen kann als der Präsident eines kleinen, neuspanischen Freistaats mit einer schlaffen Bevölkerung, die sich nicht gerne commandiren läßt, hat man nach den riesenhaftesten Versuchen den Heuschreckenkrieg ganz aufgegeben. Dort wo diese Plage periodisch öfters wiederkehrt, schickte man ganze Armeen gegen sie aus und bot ganze Bevölkerungen gegen sie auf. Wir waren in den Steppen der Krim selbst Augenzeuge von der Unmacht des autokratischen Zorns gegen den mächtigen Naturwillen, der dort die Vertilgung der Schwächern nicht duldete. Glockenschläge und Kanonensalven konnten die Wanderheuschrecken so wenig auf die Dauer verscheuchen, als die Steppenbrände sie zerstören. Wenn ein russischer Autokrat befiehlt, geschieht wenigstens das Menschenmögliche zur Vollziehung seines Willens. Unter dem biegsamen und leberzähen Geschlecht der Slawen findet ein despotischer Wille Werkzeuge wie bei keiner andern Nation. Anders verhält es sich bei dem gewählten Präsidenten einer mittelamerikanischen Republik, der in seinem ganzen Wesen nicht das Zeug eines Selbstherrschers hat, und dessen zahmes Bourgeoisnaturell die Beamten nicht zittern macht, wie der finstere Blick eines Autokraten. Auch sind die weichern Neuspanier nicht disciplinirt, nicht an Casernenpünktlichkeit gewöhnt wie die Russen. Dieser Contrast war uns recht augenfällig, als der Alcalde von San Matteo seine Leute versammelte, um sie nach des Präsidenten Willen gegen die Heuschrecken zu führen. Man zögerte nicht bloß lange mit dem Aufbruch, sondern berathschlagte sogar, ob es nicht besser sey zu Hause zu bleiben und den Regierungsbefehl gar nicht zu beachten. Die Stimme eines Costaricaner Alcalden bleibt nicht bloß, wie wir uns zu überzeugen Gelegenheit hatten, hinter dem russischen Ton zurück, sondern weiß nicht einmal wie ein bayerischer Landrichter zu imponiren. Don Jose Maria Rogaz verlas wiederholt seine Instruction und ersuchte die Bevölkerung in fast flehendem Tone, ihm wenigstens nach Pigres zu folgen, um einen Versuch gegen die Grashüpfer zu wagen. Es war ihm nur darum zu thun, den offenen Ungehorsam gegen die Regierungsbefehle zu vermeiden.
Erst gegen die Mittagsstunde ritten wir von San Matteo ab und folgten einem schmalen Maulthierweg durch die Wälder in südwestlicher Richtung nach der Mündung des Rio Grande. Es ist eine einsame Waldgegend, die noch viel seltener besucht wird als der Weg nach dem Sarapiqui. Unsere Gesellschaft bestand aus etwa 40 Reitern, die ein paarmal unterwegs Halt machten, um Palmenfrüchte und Nanzes, eine Art runder, fleischrother Beeren von angenehmem Geschmack zu sammeln und unsere Thiere von den Waldkräutern fressen zu lassen. Einigemal wurde auf Affen Jagd gemacht, wobei sich meine Reisegefährten, mit Ausnahme des Alcalden, als sehr ungeschickte Jäger bewährten. Von einer zahlreichen Affenfamilie, welche die großen Früchte eines Hickerasbaumes schmausten, wurde nur ein einziges Weibchen erlegt, alle übrigen entkamen unter großem Geschrei.
Das Rohrhäuschen mit einem obern Stockwerk liegt auf einem waldumgränzten Hügel, von dem man einen herrlichen Ueberblick der weiten Umgegend genießt; unebener, oft wellenförmig gehobener Boden, kleine Hügel und größere Anhöhen durch Schluchten und schmale Thäler unterbrochen, alles mit Wald bedeckt, nur hie und da natürliche Wiesen, eine sehr malerische Wildniß, welche die Cordilleraskette und der Doppelgipfel des Vulcans von Herradura überragt. Der Hügel, auf welchem die Rohrhütte liegt, besteht aus vulcanischem Tuff, dessen Schichten sich hier von Süden nach Norden in eine Waldschlucht senken. Aus der Tiefe schimmerte das Lichtgrün einer schönen Bananenpflanzung; es war wieder die ächte Paradiesfeige (Musa paradisiaca) mit riesenhaften Blättern und schmackhafteren Früchten als der Bananenbaum des Hochlandes (Musa sapientum). In der Nähe des Häuschens war das Terrain gelichtet und das Vieh übernachtete hier in einem umzäunten Raume. Ein ziemlich bequemer Weg führte von hier weiter in westlicher Richtung nach dem Meeresstrande.
Der Besitzer desselben, Don Ramon Coronao, nahm uns sehr freundlich auf, obwohl ihn die zahlreiche Einquartierung von 40 Reitern sichtbar überraschte. Don Ramon Coronao schien diese Heuschreckenjäger, die alle mit leerem Magen kamen und keine Lebensmittel mitbrachten, gleichwohl mehr zu fürchten als die Grashüpfer selber. Als ihm der Alcalde den Befehl der Regierung mittheilte, hatte Don Ramon Mühe, das laute Lachen zu unterdrücken, denn er kannte wohl die Unmöglichkeit der Ausführung. Inzwischen lagerten sich die Leute um das Häuschen herum, ließen ihre Pferde grasen, und hatten, da sie sämmtlich Erzfaullenzer und überdieß ein wenig müde waren, nicht die geringste Lust, noch an diesem Tage mit den Heuschrecken anzubinden. Don Ramons Speisekammer ward desto stärker in Contribution gesetzt, und wir haben Grund zu glauben, daß ihm diese wider seinen Willen zugeschickten Bundesgenossen gegen die Heuschrecken in einem Tage mehr Schaden zufügten als sämmtliche Locustiden während der ganzen Jahreszeit. 
Eine genaue Inspection der Gegend, die ich vornahm, während meine Reisegefährten gemüthsruhig auf dem Bauche lagen, belehrte mich, daß wir es hier mit einem Insect zu thun hatten, welches weder an Größe des Leibes und der Freßwerkzeuge, noch an Flugkraft, noch an Appetit der berühmten Wanderheuschrecke des südöstlichen Europa (Gryllus migratorius) gleichkommt. Es war eine kleine, buntgescheckte Heuschrecke mit kurzen Flügeln, welche sich mehr mit ihren Springbeinen bewegte, und die wir, da sie noch nicht beschrieben scheint (Gryllus Nicaraguensis) taufen möchten, weil die Niederungen von Nicaragua rings um die Ufer des großen Seebeckens ihre eigentliche Heimath zu seyn scheinen, von wo sie ihren Zug in den Küstengegenden fortsetzt, wenn sie Wanderlust oder Futtermangel spürt. Sie hielt sich bei Pigres vorzüglich in der Nähe der Waldwege und in den kleinen Savannen am Saum des Dickichts auf. Niedere Kräuter fraß sie mit Vorliebe, nagte aber auch Buscharten mit weichen Blättern an. Von den bedeutenden Verheerungen, die man mir geschildert hatte, konnte ich nichts bemerken. Der Bananengarten und die Maisfelder, welche unten am Bache standen, waren unberührt. Auf den Waldwiesen mochten sie wohl viele Stengel abgenagt haben, aber das Vieh hatte noch Futter genug. An manchen Stellen des Waldweges fand ich sie in ungeheuren Massen von Millionen angehäuft. Bei jedem Tritte, den man vorwärts machte, hüpften sie zu vielen Tausenden auf, und unsere Pferde wurden sogar Tags darauf, als wir nach dem Meeresstrand ritten, ein paarmal wegen der Heuschrecken scheu. Indessen mußte man sich hier auf den ersten Blick überzeugen, daß menschliche Anstrengung nicht ausreichte, und daß am allerwenigsten 40 neuspanische barfüßige Faullenzer geeignet waren, diesem Uebel zu steuern.
Don Ramon faßte sich in Geduld, obwohl man ihm ansah, daß er im Herzen all diese lästigen Heuschreckenvertilger eben so sehr zum Teufel wünschte, wie die, welche ihm die ungebetenen Gäste auf den Hals geschickt. Er theilte uns mit, was Küche und Keller vermochten, und außer seinen besonders schmackhaft bereiteten Tortillas, den nimmer fehlenden Bohnen und dem frischen Käse, tischte er mir und dem Alcalden auch süßes Brod, Reis in verschiedenartiger Form, Benaofleisch, gebratene Bananen und was uns das liebste war, auch köstliche Milch und aromatischen Kaffee auf. Am Ende wurde bei längerem Gespräch und näherer Bekanntschaft sein Herz sogar so warm, daß er eine Flasche alten Cognac hervorholte und sie noch an demselben Abend mit seinen Gästen leerte. Die Hacienda von Pigres besteht, wie er mir erzählte, etwa seit 20 Jahren. Ihre günstige Lage zur Viehzucht hatte die ersten Speculanten an sich gezogen. Die Natur hat hier selbst den Buschwald nicht nur an vielen Stellen gelichtet, sondern auch natürliche Wiesen geschaffen, deren Hervorbringung anderwärts im Lande viel Zeit und Geld erfordert. Für Mais, Zuckerrohr und Bananen ist das Terrain nur in der Nähe der Flüßchen ergiebig. Der Boden der Anhöhe ist zum Theil etwas mager, was man beim ersten Blick an der verkümmerten wilden Vegetation beobachtet. Der Bodenwerth ist billig. Man könnte hier die Manzane Landes für fünf Pesos erhalten. Der Besitz Don Ramons erstreckt sich mehrere Meilen weit bis an das linke Ufer des Rio grande. Zu einer deutschen Niederlassung ist die Gegend wegen ihrer zu heißen Temperatur und ihrer Ungesundheit nicht zu empfehlen. Don Ramon und seine Leute leiden hier oft an Wechselfieber. Er bewohnt die Hacienda seit 10 Jahren, und hat sich, obwohl ein Mann im schönsten Lebensalter, noch nicht zum Ehestande entschließen können, was uns billig in Verwunderung setzte, denn der Wohlstand des Besitzers, wie die Einsamkeit seines Aufenthalts, schien uns dem häuslichen Leben so günstig.
Wir übernachteten in Pigres und brachen Tags darauf, nachdem wir vortrefflich gefrühstückt hatten, nach der Mündung des Rio grande auf. Unser gastfreundlicher Wirth nahm nicht nur keine Vergütung an, sondern nöthigte uns noch das Versprechen ab, bei unserer Rückkehr von Tarcoles den Weg wieder über Pigres zu nehmen. Der Alcalde ließ seine ganze Heuschreckenexpedition im Stiche. Er schien ganz zufrieden, dem Befehl der Regierung wenigstens damit buchstäblich Genüge geleistet zu haben, daß er einen Zug gegen die feindlichen Insecten unternommen. Das Vertilgungsgeschäft selber überließ er dem freiwilligen Eifer seiner Leute. Ein Duzend derselben hatte sich wirklich auf die Beine gemacht, und wir sahen die Leute am Waldsaum mit langen Stöcken im Gras und Büsche tapfer hineinschlagen. Ob sie aber nur einen einzigen Heuschrecken wirklich trafen, schien ihnen ganz gleichgültig genug, sie klopften auf die Grashüpfer getreu dem Befehle ihrer hochlöblichen Behörde. Im günstigsten Fall wurden einige Duzend von den Millionen todt geschlagen, aber die Heuschreckenvertilger haben auch bei jedem Tritte mehr Futterkräuter niedergetreten als einige Duzend Insecten in einer Woche verzehrten. Die übrigen Reiter von San Matteo hatten sich nicht einmal zu dieser kleinen Anstrengung bequemt, sondern lagerten fortwährend auf dem Bauch vor der Küche der Hacienda. Gegen Mittag stieg die ganze Expeditionscolonne wieder zu Pferde, um nach Hause zu reiten, und der Heuschreckenfeldzug war beendigt (der Leser entschuldige diese umständliche Schilderung der Locustidenexpedition. Sie scheint uns geeignet ihm einen Begriff von der Schlaffheit dieser Bevölkerung zu geben).
Wir setzten unsere Wanderung durch die Waldgegenden fort, die Kühe hatte man wieder freigelassen, und sie klingelten zerstreut aus dem Walde. Die Viehzucht ist im Vergleiche mit unserer nordischen, welche die Thiere in warmen Ställen unterbringt und sieben Monate des Jahres hindurch für Heufütterung sorgen muß, mit ebenso wenig Mühe als Kosten verbunden. Während des Tages läßt man die Kühe selbst ihr Futter suchen. Sie gehen gewöhnlich eine Stunde weit von der Hacienda weg nach irgend einer der Waldwiesen, und scheinen ebenso gerne Büsche als niedere Kräuter zu verzehren. Gegen Abend kehren sie freiwillig zur Hacienda zurück, weil sie entweder ihre Kälber dort haben oder ihre gehörnten Geschwister der Gesellschaft wegen aufsuchen. Manchmal bleibt eine Kuh auch mehrere Tage und selbst Wochen aus, kommt aber zuletzt immer wieder zum Vorschein, und Don Ramon versicherte, daß der Verlust einer Kuh durch einen Tiger ein überaus seltener Fall sey, der sich seit seiner zehnjährigen Bewirthschaftung erst zwei- oder dreimal ereignet habe. Auch diese Paarmal war man ungewiß, ob die Klauen eines Jaguars oder die Hand eines Diebes oder sonst ein Zufall den Verlust verursacht habe.

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