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Die Sprache der alten Preußen

In: Das Ausland. Eine Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker. 
Nr. 21. 26. Mai 1854: S. 483/84.

Während hinsichtlich der Kelten alles noch in nebelhafter Ungewißheit schwebt, so wichtig auch die Frage für die alte Geschichte und Ethnographie ist, stehen wir hinsichtlich des Volks der alten Preußen, eines Zweigs des litthauischen Stammes, auf festem sprachlichem Boden. Franz Bopp, der berühmte Verfasser der „vergleichenden Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litthauischen und Deutschen,“ hat als eine Art Nachtrag und Fortsetzung eine Abhandlung „über die Sprache der alten Preußen“ veröffentlicht, die in der Akademie zu Berlin vorgelesen, vor kurzem auch in besonderem Abdruck erschienen ist. Die Sache verdient im Allgemeinen und Speciellen eine aufmerksame Beachtung: im Allgemeinen, weil sie uns an der festen Hand einer organischen Entwicklung der Sprachen in eine Zeit hinaufführt, die der Natur der Sache nach, wie Bopp selbst sagt, sogar über das „erste Dämmerlicht der Geschichte“ hinaufreicht; im Speciellen, weil die Stellung der altpreußischen Sprache und der litthauischen überhaupt historische Fragen in Anregung bringt, die wir nur an der Hand der Sprachforschung, schwach unterstützt von einzelnen historischen Zeugnissen, werden lösen können.

Der Verfasser spricht einige Sätze aus, die für die alten Völkerwanderungen von entschiedener Bedeutung sind, so z. B., „daß der medopersische Sprachzweig mit dem indischen länger vereinigt geblieben ist, als die sämmtlichen europäischen Glieder unseres Sprachstammes“, und daß „die Absonderung der lettisch-slawischen Idiome von der asiatischen Schwestersprache, man mag sie Sanskrit nennen oder ganz unbenannt lassen, später eingetreten ist als die der classischen, germanischen und keltischen Sprachen, aber doch noch vor der Spaltung des asiatischen Theils unseres Sprachgebiets in den medopersischen und indischen Zweig.“ Was die specielle Behandlung des altpreußischen Dialekts der litthauischen Sprache betrifft, so ist Bopp dazu durch den Umstand veranlaßt worden, daß derselbe „in treuer Bewahrung des ursprünglichen Gepräges das Litthauische und Lettische übertrifft.“ Diese beiden letztern Sätze führen jedenfalls den Beweis, daß die Völker, die an den Mündungen der Weichsel und östlich davon saßen, keinesfalls eine zusammengeströmte Masse verschiedener Stämme waren, wofür man sie in der Geschichte mannichfach angesehen, sondern daß sie einen eigenen, durch seine besondere Sprache fest abgegränzten Zweig der großen indo-europäischen Familie bilden.

Zeuß (Anm.: Johann Kaspar Zeuß, 1806-1856) hat bekanntlich die Völker, welche die litthauische Sprache in ihren verschiedenen Dialekten reden, unter dem Namen Aisten zusammengefaßt, nach dem Namen welchen ihnen schon Tacitus gegeben, und der sich in spätern Schriften wiederholt. Ob der Name Aisten nicht von den Deutschen ihnen als Ostländer gegeben wurde, wie er auch allmählich weiter gegen Osten rückte, und jetzt an einem nicht litthauisch redenden Volk, den finnischen Esthen, haften blieb, können wir hier nicht untersuchen. Zeuß theilt sie in West-, Süd-, Ost- und Nordaisten, welche den Namen Preußen (Prußi), Jazwingen (Jazygen), den eigentlichen Litthauern oder Letten und Curen entspricht; Tacitus sagt, sie hätten Gebräuche und Sitten der Suewen, die Sprache aber stehe der britannischen näher; auch verehrten sie die Erdmutter (matrem deam), was ohne Zweifel mit der Erdmutter der Suewen zusammenfällt. Ganz eigenthümlich ist dieß Volk zwischen Slawen, Germanen und Finnen eingekeilt. Was Tacitus unter der brittischen Sprache versteht, welche der litthauischen näher stehen soll als der deutschen, wissen wir nicht, den von der gälischen Sprache können wir dieß nicht behaupten, und eine andere brittische Sprache, falls man darunter nicht eine der altbelgischen gleichstehende vermuthen will, kennen wir nicht. Das merkwürdigste aber ist ihr kaum zu bezweifelnder Zusammenhang mit den Geten (Anm.: Die Goten). J. Grimm (Anm.: Jacob Grimm, 1785-1863) sagt darüber in seiner Geschichte der deutschen Sprache (p. 170 der alten, 119 der neuen A.): „wahrscheinlich hatte auch die getische Sprache einen nicht zu übersehenden Zusammenhang mit der litthauischen; es ist ungemein merkwürdig, daß der preußische Litthauer den polnischen, d. h. den Samogeten Gudas oder Guddas nennt; unterm Mittelalter hieß er Sameite, woraus Schamaite entsprang, was sich alles zurückführt auf Samogeta.“ Andere Zeugnisse über diese Benennung kann man in Zeuß (p. 672 f.) nachsehen. Wenn dieser Zusammenhang sich mit Sicherheit nachweisen läßt, was freilich bei den schwachen Ueberresten, die wir von getischer Sprache besitzen, schwer seyn wird, so setzt diese Auseinandersprengung des Getenvolks in einen nördlichen und südlichen Zweig eine mächtige Erschütterung in den Ostländern voraus.

Es geht aus der Zusammenstellung der Nachrichten der Alten über die Geten bei Zeuß und bei Grimm (p. 124 ff. der neuen Ausgabe) hervor, daß die Geten von den Deutschen durchaus geschieden werden, daß man sie gleichsprachig mit den Thrakern nennt. Da nun letztere gewiß ihren Weg aus Asien über den Hellespont nahmen, so muß ihre Ausbreitung zuerst nach dem Hämus und von da an die Donau und weiter gegen Norden gegangen seyn. Wenn nun die deutschen Völker, welche, so weit wir in der Geschichte zurückgehen, von Norden nach Süden ziehend und andere Völker verdrängend dargestellt werden, kaum auf einem andern Weg als durch Rußland nach der Mitte Europa`s gelangt seyn können, findet sich in den Sprachen der Litthauer, so weit wir sie noch vor uns haben, eine Andeutung, daß sie den alten südeuropäischen Sprachen näher stehen, als den deutschen? Bekanntlich ist es vom Litthauischen insbesondere behauptet worden.

Verweisen wir hier zurück auf die allgemeinen Sätze, welche Bopp über das Verhältnis der litthauischen Sprache zur asiatischen Stammsprache aufgestellt hat, so finden wir darin zwar noch keine Antwort auf die eben vorliegende Frage, aber sie zeigen welches Ziel diese Sprachforschung sich vorgesetzt hat. Indem die genaue Verwandtschaft dieser europäischen Sprachen mit den asiatischen in ihrer organischen Entwicklung verfolgt wird, wobei sprachliche Erscheinungen bei oft räumlich einander ganz nahe stehenden Völkern sich gar nicht erklären lassen, ohne daß man auf die alte asiatische Quelle zurückgeht, so müssen sich allmählich sehr klare Schlüsse in Bezug auf die Geschichte der alten Wanderungenm aus dem Orient ergeben. Daß es auf diesem schwierigen Wege an starken Irrthümern nicht fehlen kann, ist natürlich, eben so, daß manche Uebereilungen vorkommen müssen; aber doch stehen wir bereits auf einem Boden, wo der Geschichtschreiber und Ethnograph des alten Europa ohne Bezugnahme auf diese sprachlichen Forschungen keinen Zug mehr thun darf. Selbst historische Nachrichten der Römer und Griechen müssen an den mit mathematischer Schärfe entwickelten Folgerungen aus der Sprache gemessen werden. Daß Römer und Griechen bei ihrer gänzlichen Unkenntniß oder höchst mangelhaften Kenntniß der Sprachen dieser nordischen Völker manche historische Erscheinungen, die ihnen seltsam erschienen, auf eine höchst willkürliche Weise deuteten, und wir diese Deutungen nicht als Thatsachen annehmen dürfen, hat sich schon mannichfach gezeigt; dagegen haben schon viele Nachrichten der Alten erst durch die gewonnenen sprachlichen Ergebnisse ihre wahre Deutung erfahren, und wir gehen langsam aber sicher einer Erkenntniß der alten Völkergeschichte entgegen, wie man sie vor dreißig Jahren noch entfernt nicht hoffen durfte.

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